A
Das Wesen als Grund der Existenz
a. Die reinen Reflexionbestimmungen
a. Identität
§ 115
Das Wesen scheint in sich oder ist reine Reflexion, so ist es nur
Beziehung auf sich, nicht als unmittelbare, sondern als reflektiert,—Identität
mit sich.
-
Formelle oder Verstandesidentität ist diese Identität,
insofern an ihr festgehalten und von dem Unterschiede abstrahiert
wird. Oder die Abstraktion ist vielmehr das Setzen dieser formellen
Identität, die Verwandlung eines in sich Konkreten in diese Form der
Einfachheit,—es sei, daß ein Teil des am Konkreten vorhandenen Mannigfaltigen
weggelassen (durch das sogenannte Analysieren) und nur eines
derselben herausgenommen wird, oder daß mit Weglassung ihrer Verschiedenheit
die mannigfaltigen Bestimmtheiten in eine zusammengezogen werden.
Die Identität mit dem Absoluten, als Subjekte
eines Satzes, verbunden,—so lautet er: das Absolute ist das mit sich
Identische.—So wahr dieser Satz ist, so ist es zweideutig, ob er in
seiner Wahrheit gemeint ist; er ist darum in seinem Ausdrucke wenigstens
unvollständig: denn es ist unentschieden, ob die abstrakte Verstandesidentität,
d.i. im Gegensatze gegen die anderen Bestimmungen des Wesens, oder aber
die Identität als in sich konkrete gemeint ist; so ist sie,
wie sich ergeben wird, zunächst der Grund und dann in höherer
Wahrheit der Begriff.—Auch das Wort 'absolut' selbst hat
häufig keine weitere Bedeutung als die von 'abstrakt'; so heißt
absoluter Raum, absoluter Zeit nichts weiter als der abstrakte
Raum und die abstrakte Zeit.
Die Bestimmungen des Wesens als wesentliche
Bestimmungen genommen, werden sie Prädikate eines vorausgesetzten
Subjekts, das, weil sie wesentlich [sind], Alles ist. Die Sätze,
die dadurch entstehen, sind als die allgemeinen Denkgesetze ausgesprochen
worden. Der Satz der Identität lautet demnach: 'Alles ist mit
sich selbst identisch; A = A'; und negativ: 'A kann nicht zugleich
A und nicht A sein.'—Dieser Satz, statt ein wahres Denkgesetz zu sein,
ist nichts als das Gesetz des abstrakten Verstandes. Die Form
des Satzes widerspricht ihm schon selbst, da ein Satz auch einen Unterschied
zwischen Subjekt und Prädikat verspricht, dieser aber das nicht leistet,
was seine Form fordert. Namentlich wird es aber durch die folgenden sogenannten
Denkgesetze aufgehoben, welche das Gegenteil dieses Gesetzes zu Gesetzen
machen.—Wenn man behauptet, dieser Satz könne nicht bewiesen werden,
aber jedes Bewußtsein verfahre danach und stimme ihm nach
der Erfahrung sogleich zu, wie es ihn vernehme, so ist dieser angeblichen
Erfahrung der Schule die allgemeine Erfahrung entgegenzusetzen, daß
kein Bewußtsein nach diesem Gesetze denkt, noch Vorstellungen hat
usf., noch spricht, daß keine Existenz, welcher Art sie sei, nach
demselben existiert. Das Sprechen nach diesem seinsollenden Gesetze der
Wahrheit (ein Planet ist—ein Planet; der Magnetismus ist—der Magnetismus;
der Geist ist ein Geist) gilt mit vollem Recht für albern; dies ist
wohl allgemeine Erfahrung. Die Schule, in der allein solche Gesetze gelten,
hat sich längst mit ihrer Logik, welche dieselbe ernsthaft vorträgt,
bei dem gesunden Menschenverstande wie bei der Vernunft um den Kredit gebracht.
-
Zusatz. Die Identität ist zunächst wieder
dasselbe, was wir früher als Sein hatten, aber als geworden durch
Aufhebung der unmittelbaren Bestimmtheit, und somit das Sein als Idealität.
Es ist von großer Wichtigkeit, sich über die wahre Bedeutung
der Identität gehörig zu verständigen, wozu dann vor allen
Dingen gehört, daß dieselbe nicht bloß als abstrakte Identität,
d.h. nicht als Identität mit Ausschließung des Unterschiedes
aufgefaßt wird. Dies ist der Punkt, wodurch sich alle schlechte Philosophie
von dem unterscheidet, was allein den Namen der Philosophie verdient. Die
Identität in ihrer Wahrheit, als Idealität des unmittelbar Seienden,
ist eine hohe Bestimmung, sowohl für unser religiöses Bewußtsein
als auch für alles sonstige Denken und Bewußtsein überhaupt.
Man kann sagen, daß das wahre Wissen von Gott damit beginnt, ihn
als Identität—als absolute Identität zu wissen, worin dann zugleich
dies liegt, daß alle Macht und alle Herrlichkeit der Welt vor Gott
zusammensinkt und nur als das Scheinen seiner Macht und seiner
Herrlichkeit zu bestehen vermag.—Ebenso ist es dann auch die Identität
als Bewußtsein seiner selbst, wodurch sich der Mensch von der Natur
überhaupt und näher vom Tier unterscheidet, welches letztere
nicht dazu gelangt, sich als Ich, d.h. als reine Einheit seiner in sich
selbst zu erfassen.—Was dann ferner die Bedeutung der Identität in
Beziehung auf das Denken anbetrifft, so kommt es hierbei vor allen Dingen
darauf an, die wahre, das Sein und dessen Bestimmungen als aufgehoben in
sich enthaltende Identität nicht mit der abstrakten, bloß formellen
Identität zu verwechseln. Alle jene, namentlich vom Standpunkt der
Empfindung und der unmittelbaren Anschauung aus, dem Denken so häufig
gemachten Vorwürfe der Einseitigkeit, der Härte, der Inhaltslosigkeit
usw. haben ihren Grund in der verkehrten Voraussetzung, daß die Tätigkeit
des Denkens nur die des abstrakten Identischsetzen sei, und die formelle
Logik ist es selbst, welche diese Voraussetzung durch Aufstellung des im
obigen § beleuchteten, angeblich höchsten Denkgesetzes bestätigt.
Wenn das Denken weiter nichts wäre als jene abstrakte Identität,
so müßte dasselbe für das überflüssigste und
langweiligste Geschäft erklärt werden. Allerdings sind der Begriff
und weiter die Idee mit sich identisch, allein nur insofern dieselben zugleich
den Unterschied in sich enthalten.
b. Der Unterschied
§ 116
Das Wesen ist nur reine Identität und Schein in sich selbst, als es
die sich auf sich beziehende Negativität, somit Abstoßen seiner
von sich selbst ist; es enthält also wesentlich die Bestimmung des
Unterschieds.
-
Das Anderssein ist hier nicht mehr das qualitative, die Bestimmtheit,
Grenze; sondern als im Wesen, dem sich auf sich beziehenden, ist die Negation
zugleich als Beziehung, Unterschied, Gesetztsein, Vermitteltsein.
-
Zusatz. Wenn gefragt wird: wie kommt die Identität
zum Unterschied?, so liegt in dieser Frage die Voraussetzung, daß
die Identität als bloße, d.h. als abstrakte Identität etwas
für sich sei, und dann ebenso der Unterschied etwas anderes, gleichfalls
für sich. Durch diese Voraussetzung wird indes die Beantwortung der
aufgeworfenen Frage unmöglich gemacht, denn wenn die Identität
als vom Unterschied verschieden betrachtet wird, so hat man in der Tat
hiermit bloß den Unterschied, und es kann um deswillen der Fortgang
zum Unterschied nicht nachgewiesen werden, weil dasjenige, von welchem
fortgegangen werden soll, für den, welcher nach dem Wie des Fortganges
fragt, gar nicht vorhanden ist. Diese Frage erweist sich somit, näher
besehen, als durchaus gedankenlos, und [es] wäre dem, welcher dieselbe
aufwirft, zuvörderst die andere Frage vorzulegen, was er sich unter
der Identität denkt, wobei sich dann ergeben würde, daß
er sich eben nichts dabei denkt und daß die Identität für
ihn bloß ein leerer Name ist. Weiter ist nun, wie wir gesehen haben,
die Identität allerdings ein Negatives, jedoch nicht das abstrakte,
leere Nichts überhaupt, sondern die Negation des Seins und seiner
Bestimmungen. Als solche aber ist die Identität zugleich Beziehung,
und zwar negative Beziehung auf sich oder Unterscheidung ihrer von sich
selbst.
§ 117
Der Unterschied ist 1. unmittelbarer Unterschied, die Verschiedenheit,
in der die Unterschiedenen jedes für sich ist, was es ist,
und gleichgültig gegen seine Beziehung auf das Andere, welche also
eine ihm äußerliche ist. Um der Gleichgültigkeit der Verschiedenen
gegen ihren Unterschied willen fällt derselbe außer ihnen in
ein Drittes, Vergleichendes. Dieser äußerliche Unterschied
ist als Identität der Bezogenen die Gleichheit, als Nichtidentität
derselben die Ungleichheit.
-
Diese Bestimmungen selbst läßt der Verstand so auseinanderfallen,
daß, obschon die Vergleichung ein und dasselbe Substrat für
die Gleichheit und Ungleichheit hat, dies verschiedene Seiten und
Rücksichten an demselben sein sollen, aber die Gleichheit für
sich ist nur das vorige, die Identität, und die Ungleichheit für
sich ist der Unterschied.
Die Verschiedenheit ist gleichfalls in einen Satz
verwandelt worden, in den, daß alles verschieden ist oder
daß es nicht zwei Dinge gibt, die einander vollkommen gleich sind.24
Hier wird Allem das entgegengesetzte Prädikat von der
ihm im ersten Satze beigelegten Identität gegeben, also
ein dem ersten widersprechendes Gesetz gegeben. Jedoch aber soll,
insofern die Verschiedenheit nur der äußeren Vergleichung angehörig
sei, etwas für sich selbst nur identisch mit sich und
so dieser zweite Satz nicht dem ersten widersprechend sein. Dann aber gehört
auch die Verschiedenheit nicht dem Etwas oder Allem an, sie
macht keine wesentliche Bestimmung dieses Subjekts aus; dieser zweite Satz
kann auf diese Weise gar nicht gesagt werden.—Ist aber das Etwas selbst,
nach dem Satze, verschieden, so ist es dies durch seine eigene Bestimmtheit;
hiermit ist dann aber nicht mehr die Verschiedenheit als solche, sondern
der bestimmte Unterschied gemeint.—Dies ist auch der Sinn des Leibnizischen
Satzes.
-
Zusatz. Indem der Verstand sich an die Betrachtung
der Identität begibt, so ist er in der Tat bereits darüber hinaus,
und was er vor sich hat, das ist der Unterschied in der Gestalt der bloßen
Verschiedenheit. Sagen wir nämlich nach dem sogenannten Denkgesetz
der Identität: das Meer ist das Meer, die Luft ist die Luft; der Mond
ist der Mond usw., so gelten uns diese Gegenstände als gleichgültig
gegeneinander, und es ist somit nicht die Identität, sondern der Unterschied,
welchen wir vor uns haben. Weiter bleiben wir dann aber auch nicht dabei
stehen, die Dinge bloß als verschieden zu betrachten, sondern wir
vergleichen dieselben miteinander, und wir erhalten hierdurch die
Bestimmungen der Gleichheit und der Ungleichheit. Das Geschäft
der endlichen Wissenschaften besteht zum großen Teil in der Anwendung
dieser Bestimmungen, und man pflegt heutzutage, wenn von wissenschaftlicher
Behandlung die Rede ist, darunter vorzugsweise dasjenige Verfahren zu verstehen,
welches darauf ausgeht, die zur Betrachtung gezogenen Gegenstände
miteinander zu vergleichen. Es ist nicht zu verkennen, daß man auf
diesem Wege zu machen sehr wichtigen Resultaten gelangt ist, und in dieser
Beziehung ist insbesondere an die großen Leistungen der neueren Zeit
auf den Gebieten der vergleichenden Anatomie und der vergleichenden Sprachforschung
zu erinnern. Dabei ist jedoch nicht nur zu bemerken, daß man zu weit
gegangen ist, wenn man gemeint hat, es sei dieses vergleichende Verfahren
auf alle Gebiete des Erkennens mit gleichem Erfolg anzuwenden, sondern
auch außerdem noch besonders hervorzuheben, daß durch das bloße
Vergleichen dem wissenschaftlichen Bedürfnis noch nicht letztlich
genügt zu werden vermag und daß Resultate der vorher erwähnten
Art nur als (allerdings unentbehrliche) Vorarbeiten für das wahrhaft
begreifende Erkennen zu betrachten sind.—Insofern es übrigens beim
Vergleichen darum zu tun ist, vorhandene Unterschiede auf Identität
zurückzuführen, so muß die Mathematik als diejenige Wissenschaft
betrachtet werden, in welcher dieses Ziel am vollständigsten erreicht
wird, und zwar um deswillen, weil der quantitative Unterschied nur der
ganz äußerliche Unterschied ist. So werden z.B. in der Geometrie
ein Dreieck und ein Viereck, welche qualitativ verschieden sind, indem
von diesem qualitativen Unterschied abstrahiert wird, ihrer Größe
nach einander gleichgesetzt. Daß die Mathematik um diesen Vorzug
weder von seiten der empirischen Wissenschaften noch von seiten der Philosophie
zu beneiden ist, davon ist bereits früher (§ 99 Zusatz) die Rede
gewesen, und [es] ergibt sich außerdem aus demjenigen, was vorher
über die bloße Verstandesidentität bemerkt wurde.—Man erzählt,
daß, als Leibniz einst bei Hofe den Satz der Verschiedenheit ausgesprochen,
die Hofkavaliere und Hofdamen, im Garten herumspazierend, sich bemüht
hätten, zwei nicht voneinander zu unterscheidende Blätter zu
finden, um durch deren Vorzeigung das Denkgesetz des Philosophen zu widerlegen.
Es ist dies ohne Zweifel eine bequeme, auch noch heutzutage beliebte Weise,
sich mit Metaphysik zu beschäftigen; jedoch ist rücksichtlich
des Leibnizischen Satzes zu bemerken, daß der Unterschied eben nicht
bloß als die äußerliche und gleichgültige Verschiedenheit,
sondern als Unterschied an sich aufzufassen ist und daß es somit
den Dingen an ihnen selbst zukommt, unterschieden zu sein.
§ 118
Die Gleichheit ist eine Identität nur solcher, die nicht dieselben,
nicht identisch miteinander sind,—und die Ungleichheit ist Beziehung
der Ungleichen. Beide fallen also nicht in verschiedene Seiten oder Rücksichten
gleichgültig auseinander, sondern eine ist ein Scheinen in die andere.
Die Verschiedenheit ist daher Unterschied der Reflexion oder Unterschied
an sich selbst, bestimmter Unterschied.
Zusatz. Während die bloß Verschiedenen
sich als gleichgültig gegeneinander erweisen, so sind dagegen die
Gleichheit und die Ungleichheit ein Paar Bestimmungen, die sich schlechthin
aufeinander beziehen und von denen die eine nicht ohne die andere gedacht
werden kann. Dieser Fortgang von der bloßen Verschiedenheit zur Entgegensetzung
findet sich dann auch insofern schon im gewöhnlichen Bewußtsein,
als wir einräumen, daß das Vergleichen nur einen Sinn hat unter
der Voraussetzung eines vorhandenen Unterschiedes, und ebenso umgekehrt
das Unterscheiden nur unter der Voraussetzung vorhandener Gleichheit. Man
schreibt demgemäß auch, wenn die Aufgabe gestellt wird, einen
Unterschied anzugeben, demjenigen keinen großen Scharfsinn zu, der
nur solche Gegenstände voneinander unterscheidet, deren Unterschied
unmittelbar zutage liegt (wie z.B. eine Schreibfeder und ein Kamel), so
wie man andererseits sagen wird, daß es derjenige nicht weit im Vergleichen
gebracht hat, welcher nur einander Naheliegendes—eine Buche mit einer Eiche,
einen Tempel mit einer Kirche—zu vergleichen weiß. Wir verlangen
somit beim Unterschied die Identität und bei der Identität den
Unterschied. Gleichwohl geschieht es auf dem Gebiet der empirischen Wissenschaften
sehr häufig, daß über der einen dieser beiden Bestimmungen
die andere vergessen und daß das eine Mal das wissenschaftliche Interesse
nur in das Zurückführen vorhandener Unterschiede auf Identität
und ein anderes Mal wieder ebenso einseitigerweise in das Auffinden neuer
Unterschiede gesetzt wird. Dies ist namentlich in der Naturwissenschaft
der Fall. Hier macht man es sich zunächst zum Geschäft, neue
und immer mehr neue Stoffe, Kräfte, Gattungen, Arten usw. zu entdecken
oder, nach einer anderen Wendung, Körper, welche bisher für einfach
gegolten, als zusammengesetzt nachzuweisen, und neuere Physiker und Chemiker
belächeln wohl die Alten, welche sich nur mit vier und nicht einmal
einfachen Elementen begnügt haben. Andererseits wird dann aber auch
wieder die bloße Identität ins Auge gefaßt und werden
demgemäß z.B. nicht nur Elektrizität und Chemismus als
wesentlich dasselbe, sondern sogar auch die organischen Prozesse der Verdauung
und Assimilation als ein bloß Chemischer Prozeß betrachtet.
Es wurde bereits früher (§ 103 Zusatz) bemerkt, daß, wenn
man die neuere Philosophie nicht selten spottweise als Identitätsphilosophie
bezeichnet hat, es gerade die Philosophie, und zwar zunächst die spekulative
Logik ist, welche die Nichtigkeit der vom Unterschied abstrahierenden,
bloßen Verstandesidentität aufzeige, dann aber allerdings auch
ebensosehr darauf dringt, es nicht bei der bloßen Verschiedenheit
bewenden zu lassen, sondern die innere Einheit alles dessen, was da ist,
zu erkennen.
§ 119
2. Der Unterschied an sich ist der wesentliche, das Positive
und das Negative, so daß jenes so die identische Beziehung
auf sich ist, daß es nicht das Negative, und dieses das Unterschiedene
so für sich ist, daß es nicht das Positive ist. Indem
jedes so für sich ist, als es nicht das Andere ist, scheint
jedes in dem Anderen und ist nur, insofern das Andere ist. Der Unterschied
des Wesens ist daher die Entgegensetzung, nach welcher das Unterschiedene
nicht ein Anderes überhaupt, sondern sein Anderes sich
gegenüber hat; d.h. jedes hat seine eigene Bestimmung nur in seiner
Beziehung auf das Andere, ist nur in sich reflektiert, als es in das Andere
reflektiert ist, und ebenso das Andere; jedes ist so des Anderen sein
Anderes.
-
Der Unterschied an sich gibt den Satz: 'Alles ist ein wesentlich Unterschiedenes,'
—oder wie er auch ausgedrückt worden ist: 'Von zwei entgegengesetzten
Prädikaten kommt dem Etwas nur das eine zu, und es gibt kein
Drittes.' —Dieser Satz des Gegensatzes widerspricht am ausdrücklichsten
dem Satze der Identität, indem Etwas nach dem einen nur die Beziehung
auf sich, nach dem anderen aber ein Entgegengesetztes, die Beziehung
auf sein Anderes sein soll. Es ist die eigentümliche Gedankenlosigkeit
der Abstraktion, zwei solche widersprechende Sätze als Gesetze nebeneinanderzustellen,
ohne sie auch nur zu vergleichen.—Der Satz des ausgeschlossenen Dritten
ist der Satz des bestimmten Verstandes, der den Widerspruch von sich abhalten
will und, indem er dies tut, denselben begeht. A soll entweder +
A oder – A sein; damit ist schon das Dritte, das A
ausgesprochen, welches weder + noch – ist, und das ebensowohl
auch als + A und als – A gesetzt ist. Wenn + W
6 Meilen Richtung nach Westen, – W aber 6 Meilen Richtung nach Osten
bedeutet und + und – sich aufheben, so bleiben die 6 Meilen Wegs oder Raums,
was sie ohne und mit dem Gegensatz waren. Selbst das bloße plus
und minus der Zahl oder der abstrakten Richtung haben, wenn man
will, die Null zu ihrem Dritten; aber es soll nicht in Abrede gestellt
werden, daß der leere Verstandesgegensatz von + und – nicht auch
seine Stelle habe bei eben solchen Abstraktionen wie Zahl, Richtung usf.
In der Lehre von den kontradiktorischen Begriffen
heißt der eine Begriff z.B. Blau (auch so etwas wie die sinnliche
Vorstellung einer Farbe wird in solcher Lehre Begriff genannt), der andere
Nichtblau, so daß dies Andere nicht ein Affirmatives, etwa
Gelb wäre, sondern nur [als] das Abstrakt-Negative festgehalten
werden soll.—Daß das Negative in ihm selbst ebensosehr positiv ist,
s. folg. §; dies liegt auch schon in der Bestimmung, daß das
einem Anderen Entgegengesetzte sein Anderes ist.—Die Leerheit des
Gegensatzes von sogenannten kontradiktorischen Begriffen hatte ihre volle
Darstellung in dem sozusagen grandiosen Ausdruck eines allgemeinen Gesetzes,
daß jedem Dinge von allen so entgegengesetzten Prädikaten
das eine zukomme und das andere nicht, so daß der Geist sei entweder
weiß oder nicht weiß, gelb oder nicht gelb usf. ins Unendliche.
Indem vergessen wird, daß Identität und
Entgegensetzung selbst entgegengesetzt sind, wird der Satz der Entgegensetzung
auch für den der Identität in der Form des Satzes des Widerspruchs
genommen und ein Begriff, dem von zwei einander widersprechenden
Merkmalen keins (s. vorhin) oder alle beide zukommen, für logisch
falsch erklärt, wie z.B. ein vieleckiger Zirkel. Ob nun gleich ein
vieleckiger Zirkel und ein geradliniger Kreisbogen ebensosehr diesem Satze
widerstreitet, haben die Geometer doch kein Bedenken, den Kreis als ein
Vieleck von geradlinigen Seiten zu betrachten und zu behandeln. Aber so
etwas wie ein Zirkel (seine bloße Bestimmtheit) ist noch kein Begriff;
im Begriffe des Zirkels ist Mittelpunkt und Peripherie gleich wesentlich,
beide Merkmale kommen ihm zu; und doch ist Peripherie und Mittelpunkt einander
entgegengesetzt und widersprechend.
Die in der Physik so viel geltende Vorstellung von
Polarität enthält in sich die richtigere Bestimmung der
Entgegensetzung, aber wenn die Physik sich in Ansehung der Gedanken an
die gewöhnliche Logik hält, so würde sie leicht erschrecken,
wenn sie sich die Polarität entwickelte und zu den Gedanken käme,
die darin liegen.
-
Zusatz 1. Das Positive ist wieder die Identität,
aber in ihrer höheren Wahrheit, als identische Beziehung auf sich
selbst und zugleich so, daß es nicht das Negative ist. Das Negative
für sich ist nichts anderes als der Unterschied selbst. Das Identische
als solches ist zunächst das Bestimmungslose; das Positive dagegen
ist das mit sich Identische, aber als gegen ein Anderes bestimmt, und das
Negative ist der Unterschied als solcher in der Bestimmung, nicht Identität
zu sein. Dies ist der Unterschied des Unterschiedes in ihm selbst.—Am Positiven
und Negativen meint man einen absoluten Unterschied zu haben. Beide sind
indes an sich dasselbe, und man könnte deshalb das Positive auch das
Negative nennen und ebenso umgekehrt das Negative das Positive. So sind
denn auch Vermögen und Schulden nicht zwei besondere, für sich
bestehende Arten von Vermögen. Was bei dem einen, als Schuldner, ein
Negatives ist, dasselbe ist bei dem anderen, dem Gläubiger, ein Positives.
Ebenso verhält es sich mit einem Weg nach Osten, welcher zugleich
ein Weg nach Westen ist. Positives und Negatives sind also wesentlich durch
einander bedingt und nur in ihrer Beziehung aufeinander. Der Nordpol am
Magnet kann nicht sein ohne den Südpol und der Südpol nicht ohne
den Nordpol. Schneidet man einen Magnet auseinander, so hat man nicht an
dem einen Stück den Nordpol und am anderen den Südpol. Ebenso
sind dann auch bei der Elektrizität die positive und die negative
Elektrizität nicht zwei verschiedene, für sich bestehende Fluida.
In der Entgegensetzung hat überhaupt das Unterschiedene nicht nur
ein Anderes, sondern sein Anderes sich gegenüber. Das
gewöhnliche Bewußtsein betrachtet die Unterschiedenen als gleichgültig
gegeneinander. Man sagt so: Ich bin ein Mensch, und um mich herum ist Luft,
Wasser, Tiere und Anderes überhaupt. Alles fällt da auseinander.
Der Zweck der Philosophie ist dagegen, die Gleichgültigkeit zu verbannen
und die Notwendigkeit der Dinge zu erkennen, so daß das Andere als
seinem Anderen gegenüberstehend erscheint. So ist z.B. die
unorganische Natur nicht bloß als etwas anderes als das Organische
zu betrachten, sondern als das notwendige Andere desselben. Beide sind
in wesentlicher Beziehung aufeinander, und das Eine von beiden ist nur,
insofern es das Andere von sich ausschließt und eben dadurch sich
auf dasselbe bezieht. Ebenso ist auch die Natur nicht ohne den Geist, und
dieser ist nicht ohne die Natur. Es ist überhaupt ein wichtiger Schritt,
wenn man im Denken davon abgekommen ist, zu sagen: nun ist auch noch anderes
möglich. Indem man so spricht, so ist man noch mit Zufälligem
behaftet, wohingegen, wie vorher bemerkt wurde, das wahre Denken ein Denken
der Notwendigkeit ist.—Wenn man in der neueren Naturwissenschaft dazu gekommen
ist, die zunächst am Magnetismus als Polarität wahrgenommene
Entgegensetzung als durch die ganze Natur hindurchgehend, als ein allgemeines
Naturgesetz anzuerkennen, so ist dies ohne Zweifel als ein wesentlicher
Fortschritt der Wissenschaft zu betrachten, nur wäre es dabei zunächst
darum zu tun, daß man nicht neben der Entgegensetzung ohne weiteres
auch wieder die bloße Verschiedenheit gelten ließ. So betrachtet
man aber z.B. das eine Mal mit Recht die Farben als in polarer Entgegensetzung
einander gegenüberstehend (als sogenannte Ergänzungsfarben),
sodann aber auch wieder als den gleichgültigen und bloß quantitativen
Unterschied des Roten, des Gelben, des Grünen usw.
Zusatz 2. Anstatt nach dem Satz des ausgeschlossenen
Dritten (welches der Satz des abstrakten Verstandes ist) zu sprechen, wäre
vielmehr zu sagen: alles ist entgegengesetzt. Es gibt in der Tat nirgends,
weder im Himmel noch auf Erden, weder in der geistigen noch in der natürlichen
Welt, ein so abstraktes Entweder—Oder, wie der Verstand solches behauptet.
Alles, was irgend ist, das ist ein Konkretes, somit in sich selbst Unterschiedenes
und Entgegengesetztes. Die Endlichkeit der Dinge besteht dann darin, daß
ihr unmittelbares Dasein dem nicht entspricht, was sie an sich sind. So
ist z.B. in der unorganischen Natur die Säure an sich zugleich die
Basis, d.h. ihr Sein ist schlechthin nur dies, auf ihr Anderes bezogen
zu sein. Somit ist dann aber auch die Säure nicht das im Gegensatz
ruhig Beharrende, sondern dahin strebend, sich als das zu setzen, was sie
an sich ist. Was überhaupt die Welt bewege, das ist der Widerspruch,
und es ist lächerlich zu sagen, der Widerspruch lasse sich nicht denken.
Das Richtige in dieser Behauptung ist nur dies, daß es beim Widerspruch
nicht sein Bewenden haben kann und daß derselbe sich durch sich selbst
aufhebt. Der aufgehobene Widerspruch ist dann aber nicht die abstrakte
Identität, denn diese ist selbst nur die eine Seite des Gegensatzes.
Das nächste Resultat der als Widerspruch gesetzten Entgegensetzung
ist der Grund, welcher sowohl die Identität als auch den Unterschied
als aufgehoben und zu bloß ideellen Momenten herabgesetzt in sich
enthält.
§ 120
Das Positive ist jenes Verschiedene, welches für sich
und zugleich nicht gleichgültig gegen seine Beziehung auf sein
Anderes sein soll. Das Negative soll ebenso selbständig,
die negative Beziehung auf sich, für sich sein, aber zugleich
als Negatives schlechthin diese seine Beziehung auf sich, sein Positives,
nur im Anderen haben. Beide sind somit der gesetzte Widerspruch, beide
sind an sich dasselbe. Beide sind es auch für sich,
indem jedes das Aufheben des Anderen und seiner selbst ist. Sie gehen hiermit
zu Grunde.—Oder unmittelbar ist der wesentliche Unterschied, als
Unterschied an und für sich, nur der Unterschied seiner von ihm selbst,
enthält also das Identische; zum ganzen an und für sich seienden
Unterschiede gehört also sowohl er selbst als die Identität.—Als
sich auf sich beziehender Unterschied ist er gleichfalls schon als
das mit sich Identische ausgesprochen, und das Entgegengesetzte
ist überhaupt dasjenige, welches das Eine und sein Anderes,
sich und sein Entegegengesetztes in sich selbst enthält.
Das Insichsein des Wesens, so bestimmt, ist der Grund.
g. Der Grund
§ 121
Der Grund ist die Einheit der Identität und des Unterschiedes;
die Wahrheit dessen, als was sich der Unterschied und die Identität
ergeben hat,—die Reflexion-in-sich, die ebensosehr Reflexion-in-Anderes
und umgekehrt ist. Er ist das Wesen als Totalität gesetzt.
-
Der Satz des Grundes heißt: 'Alles hat seinen zureichenden
Grund,' d.h. nicht die Bestimmung von Etwas als Identisches mit
sich, noch als Verschiedenes, noch als bloß Positives oder als bloß
Negatives ist die wahre Wesenheit von Etwas, sondern daß es sein
Sein in einem Anderen hat, das als dessen Identisches- mit-sich sein Wesen
ist. Dieses ist ebensosehr nicht abstrakte Reflexion in sich, sondern
in Anderes. Der Grund ist das in sich seiende Wesen, und
dieses ist wesentlich Grund, und Grund ist es nur, insofern es Grund von
Etwas, von einem Anderen ist.
-
Zusatz. Wenn vom Grunde gesagt wird, er sei die Einheit
der Identität und des Unterschiedes, so ist unter dieser Einheit nicht
die abstrakte Identität zu verstehen, da wir sonst nur eine andere
Benennung, dem Gedanken nach hingegen nur wieder die als unwahr erkannte
Verstandesidentität selbst hätten. Man kann deshalb, um jenem
Mißverständnis zu begegnen, auch sagen, daß der Grund
nicht nur die Einheit, sondern ebensowohl auch der Unterschied der Identität
und des Unterschiedes ist. Der Grund, welcher sich uns zunächst als
die Aufhebung des Widerspruchs ergab, erscheint hiermit als ein neuer Widerspruch.
Als solcher aber ist er nicht das ruhig in sich Beharrende, sondern vielmehr
Abstoßen seiner von sich selbst. Der Grund ist nur Grund, insofern
er begründet; das aus dem Grunde Hervorgegangene aber ist er selbst,
und hierin liege der Formalismus des Grundes. Das Begründete und der
Grund sind ein und derselbe Inhalt, und der Unterschied zwischen beiden
ist der bloße Formunterschied der einfachen Beziehung auf sich und
der Vermittlung oder des Gesetztseins. Wenn wir nach den Gründen der
Dinge fragen, so ist dies überhaupt der bereits früher (§
112 Zusatz) erwähnte Standpunkt der Reflexion; wir wollen die Sache
dann gleichsam doppelt sehen, einmal in ihrer Unmittelbarkeit und zweitens
in ihrem Grunde, wo sie nicht mehr unmittelbar ist. Dies ist dann auch
der einfache Sinn des sogenannten Denkgesetzes vom zureichenden Grunde,
durch welches eben nur ausgesprochen wird, daß die Dinge wesentlich
als vermittelt zu betrachten sind. Die formelle Logik gibt übrigens
den anderen Wissenschaften bei Aufstellung dieses Denkgesetzes insofern
ein übles Beispiel, als sie verlangt, daß dieselben ihren Inhalt
nicht unmittelbar gelten lassen sollen, während sie doch selbst dieses
Denkgesetz aufstellt, ohne dasselbe abzuleiten und dessen Vermittlung aufzuzeigen.
Mit demselben Recht, mit welchem der Logiker behauptet, unser Denkvermögen
sei einmal so beschaffen, daß wir bei allem nach einem Grund fragen
müßten, könnte dann auch der Mediziner, wenn er gefragt
wird, weshalb ein Mensch, der ins Wasser fältt, ertrinkt, antworten,
der Mensch sei einmal so eingerichtet, unterm Wasser nicht leben zu können,
und ebenso ein Jurist, welcher gefragt wird, weshalb ein Verbrecher bestraft
wird, die bürgerliche Gesellschaft sei einmal so beschaffen, daß
Verbrechen nicht unbestraft bleiben dürften. Wenn dann aber auch von
der an die Logik zu machenden Forderung einer Begründung des Denkgesetzes
vom Grunde abgesehen wird, so hat dieselbe doch wenigstens die Frage zu
beantworten, was man unter dem Grund zu verstehen hat. Die gewöhnliche
Erklärung, der Grund sei dasjenige, was eine Folge hat, erscheint
auf den ersten Anblick einleuchtender und faßlicher als die im Obigen
angegebene Begriffsbestimmung. Frage man indes weiter, was die Folge sei,
und erhält zur Antwort, die Folge sei dasjenige, was einen Grund hat,
so zeigt es sich, daß die Faßlichkeit dieser Erklärung
nur darin besteht, daß bei derselben dasjenige vorausgesetzt wird,
was sich bei uns als das Resultat einer vorangegangenen Gedankenbewegung
ergeben hat. Nun aber ist das Geschäft der Logik eben nur dies, die
bloß vorgestellten und als solche unbegriffenen und unbewiesenen
Gedanken als Stufen des sich selbst bestimmenden Denkens aufzuzeigen, womit
dieselben dann zugleich begriffen und bewiesen werden.—Im gewöhnlichen
Leben und ebenso in den endlichen Wissenschaften bedient man sich sehr
häufig dieser Reflexionsform, in der Absicht, durch deren Anwendung
dahinterzukommen, wie es sich mit den zur Betrachtung gezogenen Gegenständen
eigentlich verhält. Ob nun schon wider diese Betrachtungsweise, insofern
es sich dabei sozusagen nur um den nächsten Hausbedarf des Erkennens
handelt, nichts einzuwenden ist, so muß doch zugleich bemerkt werden,
daß dieselbe weder in theoretischer noch in praktischer Hinsicht
eine definitive Befriedigung zu gewähren vermag, und zwar um deswillen,
weil der Grund noch keinen an und für sich bestimmten Inhalt hat und
wir somit dadurch, daß wir etwas als begründet betrachten, den
bloßen Formunterschied der Unmittelbarkeit und der Vermittlung erhalten.
Man sieht so z.B. eine elektrische Erscheinung und frage nach dem Grund
derselben; erhalten wir darauf zur Antwort, die Elektrizität sei der
Grund dieser Erscheinung, so ist dieses derselbe Inhalt, den wir unmittelbar
vor uns hatten, nur in die Form eines Innerlichen übersetzt.—Weiter
ist nun aber auch der Grund nicht bloß das einfach mit sich Identische,
sondern auch unterschieden, und es lassen sich deshalb für einen und
denselben Inhalt verschiedene Gründe angeben, welche Verschiedenheit
der Gründe, nach dem Begriff des Unterschiedes, dann weiter zur Entgegensetzung
in der Form von Gründen für und wider denselben
Inhalt fortschreitet.—Betrachten wir z.B. eine Handlung, etwa näher
einen Diebstahl, so ist dies ein Inhalt, an welchem mehrere Seiten unterschieden
werden können. Es ist dadurch Eigentum verletzt worden: der Dieb,
welcher in Not war, hat dadurch aber auch die Mittel zur Befriedigung seiner
Bedürfnisse erhalten, und es kann ferner der Fall sein, daß
derjenige, welcher bestohlen worden, keinen guten Gebrauch von seinem Eigentum
machte. Es ist nun zwar richtig, daß die hier stattgefundene Eigentumsverletzung
der entscheidende Gesichtspunkt ist, vor welchem die übrigen zurücktreten
müssen, allein im Denkgesetz vom Grunde liegt diese Entscheidung nicht.
Zwar ist nach der gewöhnlichen Fassung dieses Denkgesetzes nicht bloß
vom Grunde überhaupt, sondern vom zureichenden Grunde die Rede,
und man könnte deshalb meinen, die bei der beispielsweise erwähnten
Handlung außer der Eigentumsverletzung sonst noch hervorgehobenen
Gesichtspunkte seien wohl Gründe, allein diese Gründe seien nicht
zureichend. Darüber ist indes zu bemerken, daß, wenn von einem
zureichenden Grund gesprochen wird, dies Prädikat entweder müßig
oder von der Art ist, daß durch dasselbe über die Kategorie
des Grundes als solchen hinausgeschritten wird. Müßig und tautologisch
ist das gedachte Prädikat, wenn dadurch nur überhaupt die Fähigkeit
zu begründen ausgedrückt werden soll, da der Grund eben nur insofern
Grund ist, als er diese Fähigkeit besitzt. Wenn ein Soldat aus der
Schlacht entläuft, um sein Leben zu erhalten, so handelt er zwar pflichtwidrig,
allein es ist nicht zu behaupten, daß der Grund, der ihn so zu handeln
bestimmt hat, nicht zureichend wäre, da er sonst auf seinem Posten
geblieben sein würde. Ferner muß nun aber auch gesagt werden,
daß, so wie einerseits alle Gründe zureichen, ebenso andererseits
kein Grund als solcher zureicht, und zwar um deswillen, weil, wie oben
bereits bemerkt wurde, der Grund noch keinen an und für sich bestimmten
Inhalt hat und somit nicht selbsttätig und hervorbringend ist. Als
solcher an und für sich bestimmter und somit selbsttätiger Inhalt
wird sich uns demnächst der Begriff ergeben, und dieser ist
es, um den es sich bei Leibniz handelt, wenn derselbe vom zureichenden
Grunde spricht und darauf dringt, die Dinge unter diesem Gesichtspunkt
zu betrachten. Leibniz hat dabei zunächst die noch heutzutage bei
vielen so beliebte, bloß mechanische Auffassungsweise vor Augen,
welche er mit Recht für unzureichend erklärt. So ist es z.B.
eine bloß mechanische Auffassung, wenn der organische Prozeß
des Blutumlaufs bloß auf die Kontraktion des Herzens zurückgeführt
wird, und ebenso mechanisch sind jene Strafrechtstheorien, welche die Unschädlichmachung,
die Abschreckung oder andere dergleichen äußerliche Gründe
als Zweck der Strafe betrachten. Man tut Leibniz in der Tat sehr Unrecht,
wenn man meint, daß derselbe sich mit etwas so Dürftigem, wie
dies das formelle Denkgesetz vom Grunde ist, begnügt habe. Die von
ihm geltend gemachte Betrachtungsweise ist gerade das Gegenteil von jenem
Formalismus, der, wo es sich um ein begreifendes Erkennen handelt, es mit
bloßen Gründen sein Bewenden haben läßt. Leibniz
stellt in dieser Hinsicht causas efficientes und causas finales
einander gegenüber und macht die Forderung, nicht bei den ersteren
stehenzubleiben, sondern zu den letzteren hindurchzudringen. Nach diesem
Unterschied würden z.B. Licht, Wärme, Feuchtigkeit Zwar als causae
efficientes, nicht aber als causa finalis des Wachstums der
Pflanzen zu betrachten sein, welche causa finalis dann eben nichts
anderes ist als der Begriff der Pflanze selbst.—Es kann hier noch bemerkt
werden, daß das Stehenbleiben bei bloßen Gründen, namentlich
auf dem Gebiet des Rechtlichen und Sittlichen, überhaupt der Standpunkt
und das Prinzip der Sophisten ist. Wenn von Sophistik gesprochen wird,
so pflegt man darunter häufig bloß eine solche Betrachtungsweise
zu verstehen, bei welcher es darum zu tun ist, das Rechte und das Wahre
zu verdrehen und überhaupt die Dinge in einem falschen Lichte darzustellen.
Diese Tendenz liegt indes nicht unmittelbar in der Sophistik, deren Standpunkt
zunächst kein anderer als der des Räsonnements ist. Die Sophisten
sind bei den Griechen aufgetreten zu einer Zeit, als diesen auf dem religiösen
und auf dem sittlichen Gebiet die bloße Autorität und das Herkommen
nicht mehr genügte und sie das Bedürfnis empfanden, sich dessen,
was ihnen gelten sollte, als eines durch das Denken vermittelten Inhalts
bewußt zu werden. Dieser Forderung sind die Sophisten dadurch entgegengekommen,
daß sie Anweisung dazu erteilten, die verschiedenen Gesichtspunkte
aufzusuchen, unter denen sich die Dinge betrachten lassen, welche verschiedenen
Gesichtspunkte dann zunächst eben nichts anderes als Gründe sind.
Da nun, wie vorher bemerkt wurde, der Grund noch keinen an und für
sich bestimmten Inhalt hat und für das Unsittliche und Widerrechtliche
nicht minder als für das Sittliche und Rechtliche Gründe aufzufinden
sind, so fällt die Entscheidung darüber, welche Gründe gelten
sollen, in das Subjekt, und es kommt auf dessen individuelle Gesinnung
und Absichten an, wofür dasselbe sich entscheidet. Hiermit ist dann
der objektive Boden des an und für sich Gültigen, von allen Anerkannten
untergraben, und diese negative Seite der Sophistik ist es, welche dieselbe
verdientermaßen in den vorher erwähnten üblen Ruf gebracht
hat. Sokrates hat bekanntlich die Sophisten überall bekämpft,
jedoch nicht dadurch, daß er dem Räsonnement derselben nur ohne
weiteres die Autorität und das Herkommen entgegengestellt, sondern
vielmehr dadurch, daß er die Haltlosigkeit der bloßen Gründe
dialektisch aufgezeigt und dagegen das Gerechte und das Gute, überhaupt
das Allgemeine oder den Begriff des Willens geltend gemacht hat.—Wenn heutzutage
nicht nur in Erörterungen über weltliche Dinge, sondern auch
in Predigten oft vorzugsweise nur räsonierend zu Werke gegangen wird
und so z.B. alle möglichen Gründe zur Dankbarkeit gegen Gott
beigebracht werden, so würden Sokrates und ebenso Platon keinen Anstand
genommen haben, dergleichen für Sophisterei zu erklären, da es,
wie gesagt, bei dieser zunächst nicht um den Inhalt zu tun ist, welcher
immerhin der wahrhafte sein kann, sondern um die Form der Gründe,
durch welche alles verteidigt, aber auch alles angegriffen werden kann.
In unserer reflexionsreichen und räsonierenden Zeit muß es einer
noch nicht weit gebracht haben, der nicht für alles, auch für
das Schlechteste und Verkehrteste, einen guten Grund anzugeben weiß.
Alles, was in der Welt verdorben worden ist, das ist aus guten Gründen
verdorben worden. Wenn auf Gründe provoziert wird, so ist man zunächst
geneigt, davor zurückzutreten; hat man dann aber die Erfahrung gemacht,
wie es sich damit verhält, so wird man harthörig dagegen und
läßt sich dadurch nicht weiter imponieren.
§ 122
Das Wesen ist zunächst Scheinen und Vermittlung in sich; als
Totalität der Vermittlung ist seine Einheit mit sich nun gesetzt
als das Sichaufheben des Unterschiedes und damit der Vermittlung. Dies
ist also die Wiederherstellung der Unmittelbarkeit oder des Seins,
aber des Seins, insofern es durch das Aufheben der Vermittlung vermittelt
ist;—die Existenz.
-
Der Grund hat noch keinen an und für sich bestimmten Inhalt,
noch ist er Zweck, daher ist er nicht tätig noch hervorbringend;
sondern eine Existenz geht aus dem Grunde nur hervor. Der
bestimmte Grund ist darum etwas Formelles, irgendeine Bestimmtheit,
insofern sie als bezogen auf sich selbst, als Affirmation gesetzt
wird, im Verhältnis zu der damit zusammenhängenden unmittelbaren
Existenz. Er ist eben damit, daß er Grund ist, auch ein guter
Grund, denn 'gut' heißt ganz abstrakt auch nicht mehr als ein Affirmatives,
und jede Bestimmtheit ist gut, die in irgendeiner Weise als ein zugestanden
Affirmatives ausgesprochen werden kann. Ein Grund kann daher für alles
gefunden und angegeben werden, und ein guter Grund (z.B. guter Beweggrund
zu handeln) kann etwas bewirken oder auch nicht, eine Folge haben
oder auch nicht. Beweggrund, der etwas bewirkt, wird er z.B. durch
die Aufnahme in einen Willen, der ihn erst zum tätigen und einer Ursache
macht.
b. Die Existenz
§ 123
Die Existenz ist die unmittelbare Einheit der Reflexion-in-sich und der
Reflexion-in-Anderes. Sie ist daher die unbestimmte Menge von Existierenden
als in-sich-Reflektierten, die zugleich ebensosehr in-Anderes-scheinen,
relativ sind, und eine Welt gegenseitiger Abhängigkeit
und eines unendlichen Zusammenhangs von Gründen und Begründeten
bilden. Die Gründe sind selbst Existenzen und die Existierenden ebenso
nach vielen Seiten hin Gründe sowohl als Begründete.
Zusatz. Der Ausdruck Existenz (abgeleitet
von existiere) deutet auf ein Hervorgegangensein, und die Existenz
ist das aus dem Grunde hervorgegangene, durch Aufhebung der Vermittlung
wiederhergestellte Sein. Das Wesen, als das aufgehobene Sein, hat sich
uns zunächst als Scheinen in sich erwiesen, und die Bestimmungen dieses
Scheinens sind die Identität, der Unterschied und der Grund. Dieser
ist die Einheit der Identität und des Unterschiedes, und als solche
zugleich Unterscheiden seiner von sich selbst. Nun aber ist das vom Grund
Unterschiedene ebensowenig der bloße Unterschied, als er selbst die
abstrakte Identität ist. Der Grund ist das Aufheben seiner selbst,
und das, wozu er sich aufhebt, das Resultat seiner Negation, ist die Existenz.
Diese als das aus dem Grund Hervorgegangene enthält denselben in sich,
und der Grund bleibt nicht hinter der Existenz zurück, sondern er
ist eben nur dies, sich aufzuheben und in Existenz zu übersetzen.
Dies findet sich dann auch insofern im gewöhnlichen Bewußtsein,
daß, wenn wir den Grund von etwas betrachten, dieser Grund nicht
ein abstrakt Innerliches, sondern vielmehr selbst wieder ein Existierendes
ist. So betrachten wir z.B. als Grund einer Feuersbrunst den Blitzstrahl,
welcher ein Gebäude in Brand gesetzt hat, und ebenso als Grund der
Verfassung eines Volkes dessen Sitten und Lebensverhältnisse. Dies
ist nun überhaupt die Gestalt, unter welcher sich die existierende
Welt der Reflexion zunächst präsentiert als eine unbestimmte
Menge von Existierenden, die sich, als zugleich in sich und in Anderes
reflektiert, zueinander gegenseitig als Grund und als Begründetes
verhalten. In diesem bunten Spiel der Welt als des Inbegriffs des Existierenden
zeigt sich zunächst nirgends ein fester Halt, alles erscheint hier
nur als ein Relatives, bedingt durch Anderes und ebenso Anderes bedingend.
Der reflektierende Verstand macht es sich zum Geschäft, diese allseitigen
Beziehungen zu ermitteln und zu verfolgen; allein die Frage nach einem
Endzweck bleibt dabei unbeantwortet, und das Bedürfnis der begreifenden
Vernunft schreitet deshalb mit der weiteren Entwicklung der logischen Idee
über diesen Standpunkt der bloßen Relativität hinaus.
§ 124
Die Reflexion-in-Anderes des Existierenden ist aber ungetrennt von der
Reflexion-in-sich; der Grund ist ihre Einheit, aus der die Existenz hervorgegangen
ist. Das Existierende enthält daher die Relativität und seinen
mannigfachen Zusammenhang mit anderen Existierenden an ihm selbst und ist
in sich als Grund reflektiert. So ist das Existierende Ding.
-
Das Ding-an-sich, das in der Kantischen Philosophie so berühmt
geworden, zeigt sich hier in seiner Entstehung, nämlich als die abstrakte
Reflexion-in-sich, an der gegen die Reflexion-in-Anderes und gegen die
unterschiedenen Bestimmungen überhaupt als an der leeren Grundlage
derselben festgehalten wird.
-
Zusatz. Wenn behauptet wird, daß das Ding-an-sich
unerkennbar sei, so ist dies insofern zuzugeben, als man unter dem Erkennen
das Auffassen eines Gegenstandes in seiner konkreten Bestimmtheit zu verstehen
hat, das Ding-an-sich aber nichts anderes ist als das ganz abstrakte und
unbestimmte Ding überhaupt. Mit demselben Recht übrigens, mit
welchem vom Ding-an-sich gesprochen wird, wäre auch von der
Qualität-an-sich, von der Quantität-an-sich und
ebenso weiter von allen übrigen Kategorien zu sprechen, und [es] würden
darunter diese Kategorien in ihrer abstrakten Unmittelbarkeit, d.h. abgesehen
von ihrer Entwicklung und inneren Bestimmtheit zu verstehen sein. Es ist
insofern als eine Willkür des Verstandes zu betrachten, wenn gerade
nur das Ding in seinem Ansich fixiert wird. Weiter pflegt nun aber auch
das Ansich auf den Inhalt der natürlichen sowohl als auch der geistigen
Welt angewendet und demgemäß z.B. von der Elektrizität
oder von der Pflanze an sich und ebenso vom Menschen oder vom Staat
an sich gesprochen und unter dem Ansich dieser Gegenstände
das Rechte und Eigentliche derselben verstanden zu werden. Hiermit verhält
es sich nicht anders als mit dem Ding-an-sich überhaupt, und zwar
näher so, daß, wenn bei dem bloßen Ansich der Gegenstände
stehengeblieben wird, dieselben nicht in ihrer Wahrheit, sondern in der
einseitigen Form der bloßen Abstraktion aufgefaßt werden. So
ist z.B. der Mensch-an-sich das Kind, dessen Aufgabe darin besteht, nicht
in diesem abstrakten und unentwickelten Ansich zu verharren, sondern das,
was es zunächst nur an sich ist—nämlich ein freies und
vernünftiges Wesen—, auch für sich zu werden. Ebenso ist
der Staat-an-sich der noch unentwickelte, patriarchalische Staat, in welchem
die im Begriff des Staats liegenden verschiedenen politischen Funktionen
noch nicht zu ihrer begriffsmäßigen Konstituierung gelange sind.
In demselben Sinn kann auch der Keim als die Pflanze-an-sich betrachtet
werden. Aus diesen Beispielen ist zu entnehmen, daß man sich sehr
im Irrtum befindet, wenn man meint, das Ansich der Dinge oder das Ding-an-sich
überhaupt sei etwas für unser Erkennen Unzugängliches. Alle
Dinge sind zunächst an sich, allein es hat dabei nicht sein
Bewenden, und so wie der Keim, welcher die Pflanze an sich ist, nur dies
ist, sich zu entwickeln, so schreitet auch das Ding überhaupt über
sein bloßes Ansich, als die abstrakte Reflexion-in-sich, dazu fort,
sich auch als Reflexion-in-Anderes zu erweisen, und so hat es Eigenschaften.
c. Das Ding
§ 125
Das Ding ist die Totalität als die in Einem gesetzte Entwicklung
der Bestimmungen des Grundes und der Existenz. Es hat nach dem einen seiner
Momente, der Reflexion-in-Anderes, die Unterschiede an ihm, wonach
es ein bestimmtes und konkretes Ding ist. a.)
Diese Bestimmungen sind voneinander verschieden; an dem Dinge, nicht
an ihnen selbst, haben sie ihre Reflexion-in-sich. Sie sind Eigenschaften
des Dings, und ihre Beziehung auf dasselbe ist das Haben.
-
Haben tritt als Beziehung an die Stelle des Seins. Etwas
hat zwar auch Qualitäten an ihm, aber diese Übertragung
des Habens auf das Seiende ist ungenau, weil die Bestimmtheit als Qualität
unmittelbar eins mit dem Etwas ist und Etwas aufhört zu sein,
wenn es seine Qualität verliert. Das Ding aber ist die Reflexion-in-sich,
als die von dem Unterschiede, seinen Bestimmungen, auch unterschiedene
Identität.—Das Haben wird in vielen Sprachen zur Bezeichnung
der Vergangenheit gebraucht,—mit Recht, indem die Vergangenheit
das aufgehobene Sein und der Geist deren Reflexion-in-sich ist,
worin sie allein noch Bestehen hat, der aber dieses in ihm aufgehobene
Sein auch von sich unterscheidet.
-
Zusatz. Am Dinge rekurrieren die sämtlichen Reflexionsbestimmungen
als existierend. So ist das Ding, zunächst als Ding-an-sich, das mit
sich Identische. Die Identität aber ist, wie wir gesehen haben, nicht
ohne den Unterschied, und die Eigenschaften, welche das Ding hat, sind
der existierende Unterschied, in der Form der Verschiedenheit. Während
früher die Verschiedenen sich als gegeneinander gleichgültig
erwiesen und die Beziehung derselben aufeinander nur durch die ihnen äußerliche
Vergleichung gesetzt wurde, so haben wir nunmehr am Dinge ein Band, welches
die verschiedenen Eigenschaften untereinander verknüpft. Übrigens
ist die Eigenschaft nicht mit der Qualität zu verwechseln. Man sagt
zwar auch, etwas habe Qualitäten. Diese Bezeichnung ist indes
insofern unpassend, als das Haben eine Selbständigkeit andeutet, die
dem mit seiner Qualität unmittelbar identischen Etwas noch nicht zukommt.
Etwas ist das, was es ist, nur durch seine Qualität, wohingegen das
Ding zwar gleichfalls nur existiert, insofern es Eigenschaften hat, jedoch
nicht an diese oder jene bestimmte Eigenschaft gebunden ist und somit auch
dieselbe verlieren kann, ohne daß es deshalb aufhört, das zu
sein, was es ist.
§ 126
b) Die Reflexion-in-Anderes ist aber auch im
Grunde unmittelbar an ihr selbst die Reflexion-in-sich, daher sind
die Eigenschaften ebensosehr mit sich identisch, selbständig
und von ihrem Gebundensein an das Ding befreit. Weil sie aber die voneinander
unterschiedenen Bestimmtheiten des Dinges als reflektiert-in-sich
sind, sind sie nicht selbst Dinge, als welche konkret sind, sondern in
sich reflektierte Existenzen als abstrakte Bestimmtheiten, Materien.
-
Die Materien, z.B. magnetische, elektrische Materien, werden auch nicht
Dinge genannt.—Sie sind die eigentlichen Qualitäten, eins mit ihrem
Sein, die zur Unmittelbarkeit gelangte Bestimmtheit, aber einem Sein, welches
ein reflektiertes, Existenz ist.
-
Zusatz. Die Verselbständigung der Eigenschaften,
welche das Ding hat, zu Materien oder Stoffen, aus welchen
dasselbe besteht, ist zwar im Begriff des Dinges begründet
und findet sich deshalb auch in der Erfahrung, allein es ist ebenso gedanken-
als erfahrungswidrig, daraus, daß gewisse Eigenschaften eines Dinges,
wie z.B. die Farbe, der Geruch usw., sich als besonderer Farbstoff, Riechstoff
usw. darstellen lassen, zu folgern, daß damit alles abgetan sei und
daß man, um dahinterzukommen, wie es sich mit den Dingen eigentlich
verhalte, weiter nichts zu tun habe, als dieselben in die Stoffe zu zerlegen,
aus denen dieselben zusammengesetzt sind. Dieses Zerlegen in selbständige
Stoffe findet seine eigentliche Stelle nur in der unorganischen Natur,
und der Chemiker befindet sich in seinem Recht, wenn er z.B. das Küchensalz
oder den Gips in ihre Stoffe zerlegt und dann sagt, jenes bestehe aus Salzsäure
und Natron und dieser aus Schwefelsäure und Kalk. Ebenso betrachtet
dann auch die Geognosie mit Recht den Granit als aus Quarz, Feldspat und
Glimmer zusammengesetzt. Diese Stoffe, aus denen das Ding besteht, sind
dann zum Teil selbst wieder Dinge, die als solche abermals in abstraktere
Stoffe zerlegt werden können, wie z.B. die Schwefelsäure, welche
aus Schwefel und aus Sauerstoff besteht. Während nun dergleichen Stoffe
oder Materien tatsächlich als für sich bestehend dargestellt
werden können, so geschieht es auch häufig, daß andere
Eigenschaften der Dinge gleichfalls als besondere Materien betrachtet werden,
denen gleichwohl diese Selbständigkeit nicht zukommt. So spricht man
z.B. von Wärmestoff, von elektrischer und von magnetischer Materie,
welche Stoffe und Materien indes als bloße Fiktionen des Verstandes
zu betrachten sind. Es ist dies überhaupt die Weise der abstrakten
Verstandesreflexion, einzelne Kategorien, die nur als bestimmte Entwicklungsstufen
der Idee ihre Gültigkeit haben, willkürlich zu ergreifen und
diese dann, wie es heißt, zum Behuf der Erklärung, jedoch im
Widerspruch mit der unbefangenen Anschauung und Erfahrung, dergestalt zu
handhaben, daß alle zur Betrachtung gezogenen Gegenstände darauf
zurückgeführt werden. So wird dann auch das Bestehen des Dinges
aus selbständigen Stoffen vielfältig auf solchen Gebieten zur
Anwendung gebracht, wo dasselbe keine Gültigkeit mehr hat. Schon innerhalb
der Natur, beim organischen Leben, erweist sich diese Kategorie als ungenügend.
Man sagt wohl, dieses Tier besteht aus Knochen, Muskeln, Nerven usw., allein
es leuchtet unmittelbar ein, daß es damit eine andere Bewandtnis
hat als mit dem Bestehen eines Stücks Granit aus den vorhergenannten
Stoffen. Diese Stoffe verhalten sich vollkommen gleichgültig gegen
ihre Vereinigung und können auch ebensogut ohne dieselbe bestehen,
wohingegen die verschiedenen Teile und Glieder des organischen Leibes nur
in ihrer Vereinigung ihr Bestehen haben und getrennt voneinander aufhören,
als solche zu existieren.
§ 127
Die Materie ist so die abstrakte oder unbestimmte Reflexion-in-Anderes
oder die Reflexion-in-sich zugleich als bestimmte; sie ist daher
die daseiende Dingheit, das Bestehen des Dings. Das Ding hat auf
diese Weise an den Materien seine Reflexion-in-sich (das Gegenteil von
§ 125), besteht nicht an ihm selbst, sondern aus den Materien
und ist nur deren oberflächlicher Zusammenhang, eine äußerliche
Verknüpfung derselben.
§ 128
g) Die Materie ist als die unmittelbare Einheit
der Existenz mit sich auch gleichgültig gegen die Bestimmtheit; die
vielen verschiedenen Materien gehen daher in die eine Materie, die
Existenz in der Reflexionsbestimmung der Identität zusammen,
welcher gegenüber diese unterschiedenen Bestimmtheiten und deren äußerliche
Beziehung, die sie im Ding aufeinander haben, die Form sind,—die
Reflexionsbestimmung des Unterschiedes, aber als existierend und
als Totalität.
-
Diese eine, bestimmungslose Materie ist auch dasselbe, was das Ding-an-sich,
nur dieses als in sich ganz abstraktes, jene als an sich auch für-Anderes,
zunächst für die Form Seiendes.
-
Zusatz. Die verschiedenen Materien, aus denen das
Ding besteht, sind an sich die eine dasselbe, was die andere ist.
Wir erhalten hiermit die eine Materie überhaupt, an welcher
der Unterschied als derselben äußerlich, d.h. als bloße
Forms gesetzt ist. Die Auffassung der Dinge als sämtlich die
eine und selbe Materie zur Grundlage habend und bloß äußerlich,
ihrer Form nach verschieden, ist dem reflektierenden Bewußtsein sehr
geläufig. Die Materie gilt hierbei als an sich durchaus unbestimmt,
jedoch aller Bestimmung fähig und zugleich schlechthin permanent und
in allem Wechsel und aller Veränderung sich selbst gleichbleibend.
Diese Gleichgültigkeit der Materie gegen bestimmte Formen findet sich
nun allerdings in endlichen Dingen: so ist es z.B. einem Marmorblock gleichgültig,
ob demselben die Form dieser oder jener Statue oder auch einer Säule
gegeben wird. Dabei ist jedoch nicht zu übersehen, daß solche
Materie wie ein Marmorblock nur relativ (in Beziehung auf den Bildhauer)
gegen die Form gleichgültig, jedoch keineswegs überhaupt formlos
ist. Der Mineralog betrachtet demgemäß auch den nur relativ
formlosen Marmor als eine bestimmte Steinformation, in seinem Unterschied
von anderen, ebenso bestimmten Formationen, wie z.B. Sandstein, Porphyr
u.dgl. Es ist somit nur der abstrahierende Verstand, welcher die Materie
in ihrer Isolierung und als an sich formlos fixiert, wohingegen in der
Tat der Gedanke der Materie das Prinzip der Form durchaus in sich schließt
und darum auch in der Erfahrung nirgends eine formlose Materie als existierend
vorkommt. Die Auffassung der Materie als ursprünglich vorhanden und
als an sich formlos ist übrigens sehr alt und begegnet uns schon bei
den Griechen, zunächst in der mythischen Gestalt des Chaos, welches
als die formlose Grundlage der existierenden Welt vorgestellt wird. In
der Konsequenz dieser Vorstellung liegt es dann, Gott nicht als den Erschaffer
der Welt, sondern als bloßen Weltbildner, als Demiurgen zu betrachten.
Die tiefere Anschauung ist dagegen diese, daß Gott die Welt aus Nichts
erschaffen habe, womit dann überhaupt ausgesprochen ist, einerseits
daß der Materie als solcher keine Selbständigkeit zukommt, und
andererseits daß die Form nicht von außen an die Materie gelangt,
sondern als Totalität das Prinzip der Materie in sich selbst trägt,
welche freie und unendliche Form sich uns demnächst als der Begriff
ergeben wird.
§ 129
Das Ding zerfällt so in Materie und Form, deren jedes
die Totalität der Dingheit und selbständig für sich
ist. Aber die Materie, welche die positive, unbestimmte Existenz
sein soll, enthält als Existenz ebensowohl die Reflexion-in-Anderes
als das Insichsein; als Einheit dieser Bestimmungen ist sie selbst die
Totalität der Form. Die Form aber enthält schon als Totalität
der Bestimmungen die Reflexion-in-sich, oder als sich auf sich beziehende
Form hat sie das, was die Bestimmung der Materie ausmachen soll. Beide
sind an sich dasselbe. Diese ihre Einheit, gesetzt, ist überhaupt
die Beziehung der Materie und Form, welche ebenso unterschieden
sind.
§ 130
Das Ding als diese Totalität ist der Widerspruch, nach seiner negativen
Einheit die Form zu sein, in der die Materie bestimmt und zu Eigenschaften
herabgesetzt ist (§ 125), und zugleich aus Materien zu bestehen,
die in der Reflexion des Ding in sich zugleich ebenso selbständige
als negierte sind. Das Ding ist so, die wesentliche Existenz als eine sich
in sich selbst aufhebende zu sein, ist Erscheinung.
-
Die im Ding ebenso gesetzte Negation als Selbständigkeit der
Materien kommt in der Physik als die Porosität vor. Jede der
vielen Materien (Färbestoff, Riechstoff und andere Stoffe, nach einigen
darunter auch Schallstoff, dann ohnehin Wärmestoff, elektrische Materie
usw.) ist auch negiert, und in dieser ihrer Negation, ihren Poren,
sind die vielen anderen selbständigen Materien, die ebenso porös
sind und in sich die anderen so gegenseitig existieren lassen. Die Poren
sind nichts Empirisches, sondern Erdichtungen des Verstandes, der
das Moment der Negation der selbständigen Materien auf diese Weise
vorstellt und die weitere Ausbildung der Widersprüche mit jener nebulosen
Verwirrung, in der alle selbständig und alle ineinander ebenso
negiert sind, deckt.—Wenn auf gleiche Weise im Geiste die Vermögen
oder Tätigkeiten hypostasiert werden, so wird ihre lebendige Einheit
ebenso zur Verwirrung des Einwirkens der einen in die andere.
Wie die Poren (von den Poren im Organischen, denen
des Holzes, der Haut ist nicht die Rede, sondern von [denen] in den sogenannten
Materien, wie im Färbestoff, Wärmestoff usf. oder in den Metallen,
Kristallen u.dgl.) nicht in der Beobachtung ihre Bewährung haben,
so ist auch die Materie selbst, ferner eine von ihr getrennte Form, zunächst
das Ding und das Bestehen desselben aus Materien, oder daß es selbst
besteht und nur Eigenschaften hat, Produkt des reflektierenden Verstandes,
der, indem er beobachtet und das anzugeben vorgibt, was er beobachte, vielmehr
eine Metaphysik hervorbringt, die nach allen Seiten Widerspruch ist, der
ihm jedoch verborgen bleibt.