C
Die Wirklichkeit
§ 142
Die Wirklichkeit ist die unmittelbar gewordene Einheit des Wesens und der
Existenz oder des Inneren und des Äußeren. Die Äußerung
des Wirklichen ist das Wirkliche selbst, so daß es in ihr ebenso
Wesentliches bleibt und nur insofern Wesentliches ist, als es in unmittelbarer
äußerlicher Existenz ist.
-
Früher sind als Formen des Unmittelbaren Sein und Existenz
vorgekommen; das Sein ist überhaupt unreflektierte Unmittelbarkeit
und Übergehen in Anderes. Die Existenz ist unmittelbare
Einheit des Seins und der Reflexion, daher Erscheinung, kommt aus
dem Grunde und geht zu Grunde. Das Wirkliche ist das Gesetztsein
jener Einheit, das mit sich identisch gewordene Verhältnis; es ist
daher dem Übergehen entnommen, und seine Äußerlichkeit
ist seine Energie; es ist in ihr in sich reflektiert; sein Dasein ist nur
die Manifestation seiner selbst, nicht eines Anderen.
Zusatz. Die Wirklichkeit und der Gedanke, näher
die Idee, pflegen trivialerweise einander entgegengesetzt zu werden, und
man kann demgemäß häufig sagen hören, gegen die Richtigkeit
und Wahrheit eines gewissen Gedankens sei zwar nichts einzuwenden, allein
dergleichen finde sich nicht in der Wirklichkeit oder sei in der Wirklichkeit
nicht auszuführen. Diejenigen, welche so sprechen, beweisen indes
dadurch, daß sie weder die Natur des Gedankens, noch die der Wirklichkeit
gehörig aufgefaßt haben. Einerseits nämlich wird bei solchen
Reden der Gedanke als gleichbedeutend mit subjektiver Vorstellung, Plan,
Absicht und dergleichen und andererseits die Wirklichkeit als gleichbedeutend
mit der äußerlichen, sinnlichen Existenz angenommen. Im gemeinen
Leben, wo man es mit den Kategorien und deren Bezeichnung eben nicht so
genau nimmt, mag dergleichen hingehen und mag es immerhin der Fall sein,
daß z.B. der Plan oder die sogenannte Idee einer gewissen Steuereinrichtung
an sich ganz gut und zweckmäßig ist, daß dergleichen aber
in der gleichfalls sogenannten Wirklichkeit sich nicht findet und unter
den gegebenen Verhältnissen nicht durchzuführen ist. Wenn indes
der abstrakte Verstand sich dieser Bestimmungen bemächtigt und ihren
Unterschied dahin steigert, dieselben als einen fixen und festen Gegensatz
zu betraten, dergestalt, daß man in dieser wirklichen Welt sich die
Ideen aus dem Kopfe schlagen müsse, so ist dergleichen im Namen der
Wissenschaft und der gesunden Vernunft auf das entschiedenste von der Hand
zu weisen. Einerseits nämlich stecken die Ideen gar nicht bloß
in unseren Köpfen und ist die Idee überhaupt nicht etwas so Ohnmächtiges,
dessen Realisierung nach unserem Belieben erst zu bewerkstelligen oder
auch nicht zu bewerkstelligen wäre, sondern dieselbe ist vielmehr
das schlechthin Wirkende zugleich und auch Wirkliche, und andererseits
ist die Wirklichkeit nicht so schlecht und unvernüftig, wie gedankenlose
oder mit dem Denken zerfallene und heruntergekommene Praktiker sich einbilden.
Die Wirklichkeit, im Unterschied von der bloßen Erscheinung, zunächst
als Einheit des Inneren und des Äußeren, steht so wenig der
Vernunft als ein Anderes gegenüber, daß dieselbe vielmehr das
durchaus Vernünftige ist, und was nicht vernünftig ist, das ist
eben um deswillen auch nicht als wirklich zu betrachten. Dem entspricht
übrigens auch der gebildete Sprachgebrauch insofern, als man z.B.
Anstand nehmen wird, einen Dichter oder einen Staatsmann, die nichts Tüchtiges
und Vernünftiges zustande zu bringen wissen, als einen wirklichen
Dichter oder einen wirklichen Staatsmann anzuerkennen.—In der hier besprochenen
gemeinen Auffassung der Wirklichkeit und der Verwechslung derselben mit
dem Handgreiflichen und unmittelbar Wahrnehmbaren ist dann auch der Grund
jenes weitverbreiteten Vorurteils hinsichtlich des Verhältnisses der
Aristotelischen zur Platonischen Philosophie zu suchen. Diesem Vorurteil
zufolge soll der Unterschied zwischen Platon und Aristoteles darin bestehen,
daß, während der erstere die Idee und nur die Idee als das Wahre
anerkenne, der letztere dagegen mit Verwerfung der Idee sich an das Wirkliche
halte und um deswillen als der Begründer und Heerführer des Empirismus
zu betrachten sei. Darüber ist zu bemerken, daß allerdings die
Wirklichkeit das Prinzip der Aristotelischen Philosophie bildet, jedoch
nicht die gemeine Wirklichkeit des unmittelbar Vorhandenen, sondern die
Idee als Wirklichkeit. Die Polemik des Aristoteles gegen Platon besteht
dann näher darin, daß die Platonische Idee als bloße dunamis
bezeichnet und dagegen geltend gemacht wird, daß die Idee, welche
von beiden gleicherweise als das allein Wahre anerkannt wird, wesentlich
als energeia, d.h. als das Innere, welches schlechthin
heraus ist, somit als die Einheit des Inneren und Äußeren oder
als die Wirklichkeit in dem hier besprochenen emphatischen Sinne des Wortes
zu betrachten sei.
§ 143
Die Wirklichkeit, als dies Konkrete, enthält jene Bestimmungen und
deren Unterschied, ist darum auch die Entwicklung derselben, so daß
sie an ihr zugleich als Schein, als nur Gesetzte bestimmt sind (§
141). a) Als Identität überhaupt
ist sie zunächst die Möglichkeit;—die Reflexion-in-sich,
welche als der konkreten Einheit des Wirklichen gegenüber,
als die abstrakte und unwesentliche Wesentlichkeit gesetzt
ist. Die Möglichkeit ist das Wesentliche zur Wirklichkeit,
aber so, daß sie zugleich nur Möglichkeit sei.
-
Die Bestimmung der Möglichkeit ist es wohl, welche Kant
vermochte, sie und mit ihr die Wirklichkeit und Notwendigkeit als Modalitäten
anzusehen, 'indem diese Bestimmungen den Begriff als Objekt nicht im mindesten
vermehrten, sondern nur das Verhältnis zum Erkenntnisvermögen
ausdrücken.'29 In der Tat ist die Möglichkeit die
leere Abstraktion der Reflexion-in-sich, das, was vorhin das Innere hieß,
nur daß es nun als das aufgehobene, nur gesetzte, äußerliche
Innere bestimmt und so allerdings als eine bloße Modalität,
als unzureichende Abstraktion, konkreter genommen nur dem subjektiven Denken
angehörig, auch gesetzt ist. Wirklichkeit und Notwendigkeit
dagegen sind wahrhaft nichts weniger als eine bloße Art und
Weise für ein Anderes, vielmehr gerade das Gegenteil, sie sind
gesetzt als das nicht nur gesetzte, sondern in sich vollendete Konkrete.—Weil
die Möglichkeit zunächst gegen das Konkrete als Wirkliches die
bloße Form der Identität-mit-sich ist, so ist die Regel
für dieselbe nur, daß etwas sich in sich nicht widerspreche,
und so ist alles möglich; denn allem Inhalte kann diese Form
der Identität durch die Abstraktion gegeben werden. Aber alles
ist ebensosehr unmöglich, denn in allem Inhalte, da er ein
Konkretes ist, kann die Bestimmtheit als bestimmter Gegensatz und damit
als Widerspruch gefaßt werden.—Es gibt daher kein leereres Reden
als das von solcher Möglichkeit und Unmöglichkeit. Insbesondere
muß in der Philosophie von dem Aufzeigen, daß etwas möglich
oder daß auch noch etwas anderes möglich und daß
etwas, wie man es auch ausdrückt, denkbar sei, nicht die Rede
sein. Der Geschichtsschreiber ist ebenso unmittelbar daran gewiesen, diese
für sich auch schon als unwahr erklärte Kategorie nicht zu gebrauchen;
aber der Scharfsinn des leeren Verstandes gefällt sich am meisten
in dem hohlen Ersinnen von Möglichkeiten und recht vielen Möglichkeiten.
Zusatz. Die Möglichkeit erscheint der
Vorstellung zunächst als die reichere und umfassendere und die Wirklichkeit
dagegen als die ärmere und beschränktere Bestimmung. Man sagt
demgemäß: alles ist möglich; aber nicht alles, was möglich
ist, ist deshalb auch wirklich. In der Tat, d.h. dem Gedanken nach, ist
indes die Wirklichkeit das Umfassendere, da dieselbe als der konkrete Gedanke
die Möglichkeit als ein abstraktes Moment in sich enthält. Dies
findet sich dann auch insofern in unserem gewöhnlichen Bewußtsein,
als wir, wenn von dem Möglichen im Unterschied vom Wirklichen gesprochen
wird, dasselbe als ein nur Mögliches bezeichnen. -Von der Möglichkeit
pflegt überhaupt gesagt zu werden, daß dieselbe in der Denkbarkeit
bestehe. Unter dem Denken aber wird hier nur das Auffassen eines Inhaltes
in der Form der abstrakten Identität verstanden. Da nun aller Inhalt
in diese Form gebracht werden kann und dazu nur gehört, daß
derselbe von den Beziehungen, worin derselbe steht, getrennt wird, so kann
auch das Absurdeste und Widersinnigste als möglich betrachtet werden.
Es ist möglich, daß heute abend der Mond auf die Erde fällt,
denn der Mond ist ein von der Erde getrennter Körper und kann deshalb
so gut herunterfallen wie ein Stein, der in die Luft geschleudert worden;—es
ist möglich, daß der türkische Kaiser Papst wird, denn
er ist ein Mensch, kann als solcher sich zum Christentum bekehren, katholischer
Priester werden usw. Bei diesem Reden von Möglichkeiten ist es dann
vornehmlich das Denkgesetz vom Grunde, welches in der früher besprochenen
Weise gehandhabt wird, und es heißt hiernach, möglich sei dasjenige,
wofür sich ein Grund angeben lasse. Je ungebildeter jemand ist, je
weniger er die bestimmten Beziehungen der Gegenstände kennt, worauf
er seine Betrachtung richtet, um so geneigter pflegt er zu sein, sich in
allerhand leeren Möglichkeiten zu ergehen, wie dies z.B. auf dem politischen
Gebiet mit den sogenannten Kannengießern der Fall ist. Weiter geschieht
es dann in praktischer Beziehung auch nicht selten, daß der üble
Wille und die Trägheit sich hinter die Kategorie der Möglichkeit
verstehen, um sich damit bestimmten Obliegenheiten zu entziehen, und es
gilt in dieser Hinsicht dasselbe, was früher über den Gebrauch
des Denkgesetzes vom Grunde bemerkt wurde. Vernünftige, praktische
Menschen lassen sich durch das Mögliche, eben weil es nur möglich
ist, nicht imponieren, sondern halten sich an das Wirkliche, worunter dann
aber freilich nicht bloß das unmittelbar Daseiende zu verstehen ist.
Im gemeinen Leben fehlt es übrigens nicht an allerhand Sprichwörtern,
durch welche die gerechte Geringschätzung der abstrakten Möglichkeit
ausgedrückt wird. So sagt man z.B.: Ein Sperling in der Hand ist besser
als zehn Sperlinge auf dem Dache.—Ferner ist nun aber auch mit demselben
Recht, mit welchem alles als möglich betrachtet wird, alles als unmöglich
zu betrachten, und zwar insofern, als ein jeder Inhalt, welcher als solcher
immer ein Konkretes ist, nicht nur verschiedene, sondern auch entgegengesetzte
Bestimmungen in sich enthält. So ist z.B. nichts unmöglicher
als dies, daß ich bin, denn Ich ist zugleich einfache Beziehung auf
sich und schlechthin Beziehung auf Anderes. Ebensoverhält es sich
mit allem sonstigen Inhalt der natürlichen und der geistigen Welt.
Man kann sagen: die Materie ist unmöglich, denn dieselbe ist die Einheit
von Repulsion und Attraktion. Dasselbe gilt vom Leben, vom Recht, von der
Freiheit und vor allem von Gott selbst als dem wahren, d.h. dem dreieinigen
Gott, welcher Begriff dann auch von der abstrakten Verstandesaufklärung
ihrem Prinzip nach als angeblich dem Denken widersprechend verworfen worden
ist. Es ist überhaupt der leere Verstand, welcher sich in diesen leeren
Formen herumtreibe, und das Geschäft der Philosophie in Beziehung
auf dieselben besteht nur darin, die Nichtigkeit und Inhaltlosigkeit derselben
aufzuzeigen. Ob dieses möglich oder unmöglich ist, das kommt
auf den Inhalt an, d.h. auf die Totalität der Momente der Wirklichkeit,
welche sich in ihrer Entfaltung als die Notwendigkeit erweist.
§ 144
b) Das Wirkliche aber in seinem Unterschiede
von der Möglichkeit als der Reflexion-in-sich ist selbst nur das äußerliche
Konkrete, das unwesentliche Unmittelbare. Oder unmittelbar, insofern
es zunächst (§ 142) als die einfache, selbst unmittelbare Einheit
des Inneren und Äuferen ist, ist es als unwesentliche Äußeres
und ist so zugleich (§ 140) das nur Innerliche, die Abstraktion
der Reflexion-in-sich; es selbst ist somit als ein nur Mögliches
bestimmt. In diesem Werte einer bloßen Möglichkeit ist das Wirkliche
ein Zufälliges, und umgekehrt ist die Möglichkeit der
bloße Zufall selbst.
§ 145
Möglichkeit und Zufälligkeit sind die Momente der Wirklichkeit,
Inneres und Äußeres, als bloße Formen gesetzt, welche
die Äußerlichkeit des Wirklichen ausmachen. Sie haben
an dem in sich bestimmten Wirklichen, dem Inhalte, als ihrem
wesentlichen Bestimmungsgrunde ihre Reflexion-in-sich. Die Endlichkeit
des Zufälligen und Möglichen besteht daher näher in dem
Unterschiedensein der Formbestimmung von dem Inhalte, und ob etwas zufällig
und möglich ist, kommt daher auf den Inhalt an.
Zusatz. Die Möglichkeit, als das nur
Innere der Wirklichkeit, ist eben damit auch die nur äußere
Wirklichkeit oder die Zufälligkeit. Das Zufällige ist
überhaupt ein solches, welches den Grund seines Seins nicht in sich
selbst, sondern in anderem hat. Dies ist die Gestalt, in welcher die Wirklichkeit
sich dem Bewußtsein zunächst darbietet und welche häufig
mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird. Das Zufällige ist indes
nur das Wirkliche in der einseitigen Form der Reflexion-in-Anderes oder
das Wirkliche in der Bedeutung eines bloß Möglichen. Wir betrachten
demgemäß das Zufällige als ein solches, welches sein oder
auch nicht sein, welches so oder auch anders sein kann und dessen Sein
oder Nichtsein, dessen So- oder Anderssein nicht in ihm selbst, sondern
in Anderem begründet ist. Dies Zufällige zu überwinden ist
nun überhaupt ebenso einerseits die Aufgabe des Erkennens, als es
auch andererseits auf dem Gebiete des Praktischen darum zu tun ist, nicht
bei der Zufälligkeit des Wollens oder der Willkür stehenzubleiben.
Gleichwohl ist es, zumal in der neueren Zeit, vielfältig geschehen,
daß man die Zufälligkeit zur Ungebühr erhoben und derselben
sowohl in Beziehung auf die Natur als auch auf die geistige Welt einen
Wert beigelegt hat, der ihr in der Tat nicht zukommt. Was hierbei zunächst
die Natur anbetrifft, so pflege dieselbe nicht selten hauptsächlich
nur um des Reichtums und der Mannigfaltigkeit ihrer Gebilde willen bewundert
zu werden. Dieser Reichtum als solcher, abgesehen von der darin vorhandenen
Entfaltung der Idee, bietet indes kein höheres Vernunftinteresse dar
und gewährt uns in der großen Mannigfaltigkeit unorganischer
und organischer Gebilde nur die Anschauung der ins Unbestimmte sich verlaufenden
Zufälligkeit. Jedenfalls ist das durch äußere Umstände
bedingte bunte Spiel der einzelnen Varietäten von Tieren und Pflanzen,
die mannigfaltig wechselnde Figuration und Gruppierung der Wolken u.dgl.
nicht für höher zu erachten als die ebenso zufälligen Einfälle
des in seiner Willkür sich ergehenden Geistes und ist die solcher
Erscheinung gewidmete Bewunderung ein sehr abstraktes Verhalten, von welchem
aus zur näheren Einsicht in die innere Harmonie und Gesetzmäßigkeit
der Natur fortzuschreiten ist.—Von besonderer Wichtigkeit ist demnächst
die gehörige Würdigung der Zufälligkeit in Beziehung auf
den Willen. Wenn von der Freiheit des Willens die Rede ist, so wird darunter
häufig bloß die Willkür, d.h. der Wille in der Form der
Zufälligkeit verstanden. Nun ist zwar die Willkür, als die Fähigkeit,
sich zu diesem oder jenem zu bestimmen, allerdings ein wesentliches Moment
des seinem Begriff nach freien Willens, jedoch keineswegs die Freiheit
selbst, sondern zunächst nur die formelle Freiheit. Der wahrhaft freie
Wille, welcher die Willkür als aufgehoben in sich enthält, ist
sich seines Inhalts als eines an und für sich festen bewußt
und weiß denselben zugleich schlechthin als den seinigen. Dahingegen
ist der Wille, welcher auf der Stufe der Willkür stehenbleibt, auch
wenn er sich für das dem Inhalt nach Wahre und Rechte entscheidet,
doch immer noch mit der Eitelkeit behaftet, daß, wenn es ihm so beliebt,
er sich auch für anderes hätte entscheiden können. Näher
betrachtet erweist sich übrigens die Willkür insofern als ein
Widerspruch, als hier Form und Inhalt noch einander gegenüberstehen.
Der Inhalt der Willkür ist ein gegebener und wird nicht als ein im
Willen selbst, sondern in äußeren Umständen begründeter
gewußt. Die Freiheit besteht deshalb in Beziehung auf solchen Inhalt
nur in der Form des Wählens, welche formelle Freiheit dann auch insofern
als eine bloß gemeinte Freiheit zu betrachten ist, als in letzter
Analyse es sich finden wird, daß derselben Äußerlichkeit
der Umstände, in welchen der von dem Willen vorgefundene Inhalt begründet
ist, es auch zugeschrieben werden muß, daß der Wille sich gerade
für dieses und nicht für jenes entscheidet.
Ob nun schon die Zufälligkeit,
der bisherigen Erörterung zufolge, nur ein einseitiges Moment der
Wirklichkeit und deshalb mit dieser selbst nicht zu verwechseln ist, so
gebührt derselben doch, als einer Form der Idee überhaupt, auch
in der gegenständlichen Welt ihr Recht. Dies gilt zunächst von
der Natur, auf deren Oberfläche sozusagen die Zufälligkeit ihr
freies Ergehen hat, welches dann auch als solches anzuerkennen ist, ohne
die (der Philosophie bisweilen irrigerweise zugeschriebene) Prätention,
darin ein nur so und nicht anders sein können finden zu wollen. Ebenso
macht sich dann auch das Zufällige in der geistigen Welt geltend,
wie solches bereits vorher hinsichtlich des Willens bemerkt wurde, welcher
das Zufällige in der Gestalt der Willkür, jedoch nur als aufgehobenes
Moment, in sich enthält. Auch in Beziehung auf den Geist und dessen
Betätigung hat man sich davor zu hüten, daß man nicht durch
das wohlgemeinte Bestreben vernünftiger Erkenntnis sich dazu verleiten
läßt, Erscheinungen, welchen der Charakter der Zufälligkeit
zukommt, als notwendig aufzeigen oder, wie man zu sagen pflegt, a priori
konstruieren zu wollen. So spielt z.B. in der Sprache, obschon dieselbe
gleichsam der Leib des Denkens ist, doch unbedenklich auch der Zufall seine
entschiedene Rolle, und ebenso verhält es sich mir den Gestaltungen
des Rechts, der Kunst usw. Es ist ganz richtig, daß die Aufgabe der
Wissenschaft und näher der Philosophie überhaupt darin besteht,
die unter dem Schein der Zufälligkeit verborgene Notwendigkeit zu
erkennen; dies darf jedoch nicht so verstanden werden, als ob das Zufällige
bloß unserer subjektiven Vorstellung angehöre und deshalb, um
zur Wahrheit zu gelangen, schlechthin zu beseitigen sei. Wissenschaftliche
Bestrebungen, welche einseitig diese Richtung verfolgen, werden dem gerechten
Vorwurfe einer leeren Spielerei und eines steifen Pedantismus nicht entgehen.
§ 146
Jene Äußerlichkeit der Wirklichkeit enthält näher
dies, daß die Zufälligkeit als unmittelbare Wirklichkeit das
mit sich Identische wesentlich ist nur als Gesetztsein, das aber
ebenso aufgehoben, eine daseiende Äußerlichkeit ist. Sie ist
so ein Vorausgesetztes, dessen unmittelbares Dasein zugleich eine
Möglichkeit ist und die Bestimmung hat, aufgehoben zu werden,—die
Möglichkeit eines Anderen zu sein,—die Bedingung.
Zusatz. Das Zufällige, als die unmittelbare
Wirklichkeit, ist zugleich die Möglichkeit eines Anderen, jedoch nicht
mehr bloß jene abstrakte Möglichkeit, die wir zuerst hatten,
sondern die Möglichkeit als seiend, und so ist dieselbe Bedingung.
Wenn wir von der Bedingung einer Sache sprechen, so liegt darin zweierlei:
einmal nämlich ein Dasein, eine Existenz, überhaupt ein Unmittelbares,
und zweitens die Bestimmung dieses Unmittelbaren, aufgehoben zu werden
und zur Verwirklichung eines Anderen zu dienen.—Die unmittelbare Wirklichkeit
ist nun überhaupt als solche nicht das, was sie sein soll, sondern
eine in sich gebrochene, endliche Wirklichkeit, und es ist ihre Bestimmung,
verzehrt zu werden. Die andere Seite der Wirklichkeit ist dann aber ihre
Wesentlichkeit. Diese ist zunächst das Innere, welches, als bloße
Möglichkeit, ebenso bestimmt ist, aufgehoben zu werden. Als aufgehobene
Möglichkeit ist sie das Hervorgehen einer neuen Wirklichkeit, welche
die erste unmittelbare Wirklichkeit zu ihrer Voraussetzung hatte. Dies
ist der Wechsel, welchen der Begriff der Bedingung in sich enthält.
Wenn wir die Bedingungen einer Sache betrachten, so erscheinen diese als
etwas ganz Unbefangenes. In der Tat enthält aber solche unmittelbare
Wirklichkeit den Keim zu etwas ganz anderem in sich. Dieses Andere ist
zunächst nur ein Mögliches, welche Form sich dann aber aufhebt
und in Wirklichkeit übersetzt. Diese neue Wirklichkeit, welche so
hervorgeht, ist das eigene Innere der unmittelbaren Wirklichkeit, welche
sie verbraucht. Es wird so eine ganz andere Gestalt der Dinge, und es wird
auch nichts anderes: denn die erste Wirklichkeit wird nur nach ihrem Wesen
gesetzt. Die Bedingungen, die sich aufopfern, die Zugrunde gehen und verbraucht
werden, gehen in der anderen Wirklichkeit nur mit sich selbst zusammen.—Von
solcher Art ist nun überhaupt der Prozeß der Wirklichkeit. Diese
ist nicht bloß ein unmittelbar Seiendes, sondern, als das wesentliche
Sein, Aufhebung ihrer eigenen Unmittelbarkeit und dadurch sich mit sich
selbst vermittelnd.
§ 147
g) Diese so entwickelte Äußerlichkeit
ist ein Kreis der Bestimmungen der Möglichkeit und der unmittelbaren
Wirklichkeit, die Vermittlung derselben durcheinander die reale
Möglichkeit überhaupt. Als solcher Kreis ist sie ferner die
Totalität, so der Inhalt, die an und für sich bestimmte
Sache, und ebenso, nach dem Unterschiede der Bestimmungen in dieser
Einheit, die konkrete Totalität der Form für sich, das
unmittelbare Sichübersetzen des Inneren ins Äußere und
des Äußeren ins Innere. Dies Sichbewegen der Form ist Tätigkeit,
Betätigung der Sache, als des realen Grundes, der sich zur
Wirklichkeit aufhebt, und Betätigung der zufälligen Wirklichkeit,
der Bedingungen, nämlich deren Reflexion-in-sich und ihr Sichaufheben
zu einer anderen Wirklichkeit, zu der Wirklichkeit der Sache. Wenn
alle Bedingungen vorhanden sind, muß die Sache wirklich
werden, und die Sache ist selbst eine der Bedingungen, denn sie ist zunächst
als Inneres selbst nur ein Vorausgesetztes. Die entwickelte Wirklichkeit,
als der in eins fallende Wechsel des Inneren und Äußeren, der
Wechsel ihrer entgegengesetzten Bewegungen, die zu einer Bewegung
vereint sind, ist die Notwendigkeit.
-
Die Notwendigkeit ist zwar richtig als Einheit der Möglichkeit und
Wirklichkeit definiert worden. Aber nur so ausgedrückt ist diese Bestimmung
oberflächlich und deswegen unverständlich. Der Begriff der Notwendigkeit
ist sehr schwer, und zwar weil sie der Begriff selbst ist, aber dessen
Momente noch als Wirklichkeiten sind, die zugleich doch nur als Formen,
als in sich gebrochene und als übergehende zu fassen sind. Es soll
deswegen in den beiden folgenden §§ die Exposition der Momente,
welche die Notwendigkeit ausmachen, noch ausführlicher angegeben werden.
-
Zusatz. Wenn von etwas gesagt wird, es sei notwendig,
so fragen wir zunächst nach dem Warum. Das Notwendige soll sich somit
als ein Gesetztes, als ein Vermitteltes erweisen. Bleiben wir indes bei
der bloßen Vermittlung stehen, so haben wir noch nicht dasjenige,
was unter der Notwendigkeit verstanden wird. Das bloß Vermittelte
ist das, was es ist, nicht durch sich selbst, sondern durch ein Anderes,
und damit ist dasselbe auch bloß ein Zufälliges. Von dem Notwendigen
dagegen verlangen wir, daß es das, was es ist, durch sich selbst
sei und somit, vermittelt zwar, doch zugleich die Vermittlung als aufgehoben
in sich enthalte. Wir sagen demgemäß vom Notwendigen: es ist,
und so gilt uns dasselbe als einfache Beziehung auf sich, in welchem das
Bedingtsein durch Anderes hinwegfällt.—Von der Notwendigkeit pflegt
gesagt zu werden, daß sie blind sei, und zwar insofern mit
Recht, als in ihrem Prozeß der Zweck noch nicht als solcher für
sich vorhanden ist. Der Prozeß der Notwendigkeit beginnt mit
der Existenz zerstreuter Umstände, die einander nichts anzugehen und
keinen Zusammenhang in sich zu haben scheinen. Diese Umstände sind
eine unmittelbare Wirklichkeit, welche in sich zusammenfällt, und
aus dieser Negation geht eine neue Wirklichkeit hervor. Wir haben hier
einen Inhalt, welcher der Form nach in sich gedoppelt ist: einmal als Inhalt
der Sache, um die es sich handelt, und zweitens als Inhalt der zerstreuten
Umstände, die als ein Positives erscheinen und sich zunächst
so geltend machen. Dieser Inhalt, als ein Nichtiges in sich, wird demgemäß
in sein Negatives verkehrt und wird so Inhalt der Sache. Die unmittelbaren
Umstände gehen als Bedingungen zugrunde, werden aber auch zugleich
als Inhalt der Sache erhalten. Man sage dann, aus solchen Umständen
und Bedingungen sei etwas ganz anderes hervorgegangen, und nennt deshalb
die Notwendigkeit, welche dieser Prozeß ist, blind. Betrachten wir
dagegen die zweckmäßige Tätigkeit, so haben wir hier am
Zweck einen Inhalt, der schon vorher gewußt wird, und diese Tätigkeit
ist deshalb nicht blind, sondern sehend. Wenn wir sagen, daß die
Welt durch die Vorsehung regiert wird, so liegt darin, daß der Zweck
überhaupt das Wirkende ist, als das vorher an und für sich Bestimmte,
so daß das Herauskommende dem, was vorher gewußt und gewollt
wurde, entsprechend ist. Man hat übrigens die Auffassung der Welt
als durch die Notwendigkeit bestimmt und den Glauben an eine göttliche
Vorsehung keineswegs als einander gegenseitig ausschließend zu betrachten.
Was der göttlichen Vorsehung dem Gedanken nach zugrunde liegt, wird
sich uns demnächst als der Begriff ergeben. Dieser ist die
Wahrheit der Notwendigkeit und enthält dieselbe als aufgehoben in
sich, so wie umgekehrt die Notwendigkeit an sich der Begriff ist.
Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird,
und es gibt deshalb nichts Verkehrteres als den Vorwurf eines blinden Fatalismus,
welcher der Philosophie der Geschichte darum gemacht wird, weil dieselbe
ihre Aufgabe als die Erkenntnis der Notwendigkeit dessen, was geschehen
ist, betrachtet. Die Philosophie der Geschichte erhält hiermit die
Bedeutung einer Theodizee, und diejenigen, welche die göttliche Vorsehung
dadurch zu ehren meinen, daß sie die Notwendigkeit von ihr ausschließen,
setzen dieselbe durch diese Abstraktion in der Tat zu einer blinden, vernunftlosen
Willkür herab. Das unbefangene religiöse Bewußtsein spricht
von Gottes ewigen und unverbrüchlichen Ratschlüssen, und darin
liegt die ausdrückliche Anerkennung der Notwendigkeit als zum Wesen
Gottes gehörig. Der Mensch, in seinem Unterschied von Gott, mit seinem
besonderen Meinen und Wollen, verfährt nach Laune und Willkür,
und so geschieht es ihm dann, daß bei seinem Tun etwas ganz anderes
herauskommt, als er gemeine und gewollt hat, wohingegen Gott weiß,
was er will, in seinem ewigen Willen nicht durch inneren oder äußeren
Zufall bestimmt wird und das, was er will, auch unwiderstehlich vollbringt.—Der
Standpunkt der Notwendigkeit ist überhaupt in Beziehung auf unsere
Gesinnung und unser Verhalten von großer Wichtigkeit. Indem wir das,
was geschieht, als notwendig betrachten, so scheint dies auf den ersten
Anblick ein vollkommen unfreies Verhältnis zu sein. Die Alten faßten
bekanntlich die Notwendigkeit als Schicksal auf, und der moderne
Standpunkt ist dagegen der des Trostes. Dieser besteht überhaupt
darin, daß, indem wir unsere Zwecke, unsere Interessen aufgegeben,
wir solches in der Aussicht tun, dafür einen Ersatz zu erhalten. Das
Schicksal dagegen ist trostlos. Betrachten wir nunmehr die Gesinnung der
Alten in Beziehung auf das Schicksal näher, so gewährt uns dieselbe
gleichwohl keineswegs die Anschauung der Unfreiheit, sondern vielmehr die
der Freiheit. Dies liegt darin, daß die Unfreiheit im Festhalten
am Gegensatz begründet ist, dergestalt, daß wir das, was ist
und was geschieht, als im Widerspruch stehend betrachten mit dem, was sein
und geschehen soll. In der Gesinnung der Alten hat dagegen dies
gelegen: weil solches ist, so ist es, und wie es ist, so
soll es sein. Hier ist also kein Gegensatz vorhanden und damit auch keine
Unfreiheit, kein Schmerz und kein Leiden. Dies Verhalten zum Schicksal
ist nun zwar, wie vorher bemerkt wurde, allerdings trostlos, allein solche
Gesinnung bedarf auch des Trostes nicht, und zwar um deswillen, weil hier
die Subjektivität noch nicht zu ihrer unendlichen Bedeutung gelangt
ist. Dieser Gesichtspunkt ist es, welcher bei Vergleichung der antiken
und unserer modernen, christlichen Gesinnung als der entscheidende ins
Auge gefaßt werden muß. Versteht man unter der Subjektivität
bloß die endliche unmittelbare Subjektivität mit dem zufälligen
und willkürlichen Inhalt ihrer partikulären Neigungen und Interessen,
überhaupt das, was man Person nennt, im Unterschied von der Sache
im emphatischen Sinne des Worts (in welchem Sinne man, und zwar mit Recht,
zu sagen pflegt, daß es auf die Sache ankommt und nicht auf
die Person), so wird man nicht umhin können, die ruhige Ergebung der
Alten in das Schicksal zu bewundern und diese Gesinnung als eine höhere
und würdigere anzuerkennen als jene moderne, welche eigensinnig ihre
subjektiven Zwecke verfolgt und, wenn sie dann doch auf deren Erreichung
zu verzichten sich genötigt sieht, sich dabei nur mit der Aussicht
tröstet, dafür in anderer Gestalt Ersatz zu erhalten. Weiter
ist nun aber auch die Subjektivität nicht bloß die, als der
Sache gegenüberstehend, schlechte und endliche Subjektivität;
sondern dieselbe ist ihrer Wahrheit nach der Sache immanent und als hiermit
unendliche Subjektivität die Wahrheit der Sache selbst. So aufgefaßt
erhält dann der Standpunkt des Trostes eine ganz andere und höhere
Bedeutung, und in diesem Sinne ist es, daß die christliche Religion
als die Religion des Trostes, und zwar des absoluten Trostes zu betrachten
ist. Das Christentum enthält bekanntlich die Lehre, Gott wolle, daß
allen Menschen geholfen werde, und damit ist ausgesprochen, daß die
Subjektivität einen unendlichen Wert hat. Näher liegt dann das
Trostreiche der christlichen Religion darin, daß, indem hier Gott
selbst als die absolute Subjektivität gewußt wird, die Subjektivität
aber das Moment der Besonderheit in sich enthält, damit auch unsere
Besonderheit nicht bloß als ein abstrakt zu Negierendes, sondern
zugleich als ein zu Konservierendes anerkannt ist. Die Götter der
Alten wurden zwar gleichfalls als persönlich betrachtet; die Persönlichkeit
eines Zeus, eines Apoll usw. ist indes nicht eine wirkliche, sondern nur
eine vorgestellte, oder, anders ausgedrückt, es sind diese Götter
bloß Personifikationen, die als solche sich nicht selbst wissen,
sondern nur gewußt werden. Diesen Mangel und diese Ohnmacht
der alten Götter finden wir dann auch insofern im religiösen
Bewußtsein der Alten, als dieselben nicht nur die Menschen, sondern
auch die Götter selbst als dem Schicksal (dem pepromenon
oder der eimarmene) unterworfen betrachteten,
welches Schicksal man sich als die unenthüllte Notwendigkeit und somit
als das durchaus Unpersönliche, Selbstlose und Blinde vorzustellen
hat. Dahingegen ist der christliche Gott der nicht bloß gewußte,
sondern schlechthin sich wissende Gott und nicht bloß vorgestellte,
sondern vielmehr absolut wirkliche Persönlichkeit.—Während übrigens
hinsichtlich der weiteren Ausführung der hier berührten Punkte
an die Religionsphilosophie zu verweisen ist, so kann hier noch bemerklich
gemacht werden, von welcher Wichtigkeit es ist, daß der Mensch das,
was ihn trifft, im Sinne jenes alten Sprichwortes auffaßt, worin
es heißt: ein jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Hierin
liegt, daß der Mensch überhaupt nur sich selbst zu genießen
bekommt. Die entgegengesetzte Ansicht ist dann die, daß wir die Schuld
von dem, was auf uns fällt, auf andere Menschen, auf die Ungunst der
Verhältnisse und dergleichen schieben. Dies ist dann wieder der Standpunkt
der Unfreiheit und zugleich die Quelle der Unzufriedenheit. Indem dagegen
der Mensch anerkennt, daß, was ihm widerfährt, nur eine Evolution
seiner selbst ist und daß er nur seine eigene Schuld trägt,
so verhält er sich als ein Freier und hat in allem, was ihm begegnet,
den Glauben, daß ihm kein Unrecht geschieht. Der Mensch, der in Unfrieden
mit sich und seinem Geschick lebt, begeht gerade um der falschen Meinung
willen, daß ihm von anderen Unrecht geschehe, viel Verkehrtes und
Schiefes. Nun ist zwar in dem, was uns geschieht, allerdings auch viel
Zufälliges. Dies Zufällige ist indes in der Natürlichkeit
des Menschen begründet. Indem der Mensch aber sonst das Bewußtsein
seiner Freiheit hat, so wird durch das Mißliebige, was ihm begegnet,
die Harmonie seiner Seele, der Friede seines Gemüts nicht zerstört.
Es ist also die Ansicht von der Notwendigkeit, wodurch die Zufriedenheit
und die Unzufriedenheit der Menschen und somit ihr Schicksal selbst bestimmt
wird.
§ 148
Unter den drei Momenten, der Bedingung, der Sache und der
Tätigkeit, ist
a. die Bedingung a)
das Vorausgesetzte; als nur Gesetztes ist sie nur als relativ auf
die Sache, aber als voraus ist sie als für sich,—zufälliger,
äußerlicher Umstand, der ohne Rücksicht auf die Sache existiert;
in dieser Zufälligkeit aber zugleich in Rücksicht auf die Sache,
welche die Totalität ist, ist dies Vorausgesetzte ein vollständiger
Kreis von Bedingungen. b) Die Bedingungen
sind passiv, werden für die Sache als Materiel verwendet und
gehen damit in den Inhalt der Sache ein; sie sind ebenso diesem
Inhalte gemäß und enthalten dessen ganze Bestimmung bereits
in sich.
b. Die Sache ist ebenso a)
ein Vorausgesetztes; als gesetzte nur erst ein Inneres und Mögliches,
und als voraus ein für sich selbständiger Inhalt; b)
sie erhält durch die Verwendung der Bedingungen ihre äußerliche
Existenz, das Realisieren ihrer Inhaltsbestimmungen, welche den Bedingungen
gegenseitig entsprechen, so daß sie ebenso aus diesen sich als Sache
erweist und aus ihnen hervorgeht.
c. Die Tätigkeit ist a)
ebenso für sich (ein Mensch, ein Charakter), selbständig existierend,
und zugleich hat sie ihre Möglichkeit allein an den Bedingungen und
an der Sache; b) sie ist die Bewegung, die Bedingungen
in die Sache, diese in jene als in die Seite der Existenz zu übersetzen;
vielmehr aber nur die Sache aus den Bedingungen, in welchen sie an sich
vorhanden ist, heraus zu setzen und durch Aufhebung der Existenz, welche
die Bedingungen haben, der Sache Existenz zu geben.
Insofern diese drei Momente die Gestalt selbständiger
Existenz gegeneinander haben, ist dieser Prozeß als die äußere
Notwendigkeit.—Diese Notwendigkeit hat einen beschränkten Inhalt
zu ihrer Sache. Denn die Sache ist dies Ganze in einfacher Bestimmtheit;
da dasselbe aber in seiner Form sich äußerlich ist, ist es damit
auch in ihm selbst und in seinem Inhalte sich äußerlich, und
diese Äußerlichkeit an der Sache ist Schranke ihres Inhalts.
§ 149
Die Notwendigkeit ist an sich daher das eine mit sich identische,
aber inhaltsvolle Wesen, das so in sich scheint, daß seine
Unterschiede die Form selbständiger Wirklicher haben, und dies
Identische ist zugleich als absolute Form die Tätigkeit
des Aufhebens [der Unmittelbarkeit] in Vermitteltsein und der Vermittlung
in Unmittelbarkeit.—Das, was notwendig ist, ist durch ein Anderes,
welches in den vermittelnden Grund (die Sache und die Tätigkeit)
und in eine unmittelbare Wirklichkeit, ein Zufälliges, das
zugleich Bedingung ist, zerfallen ist. Das Notwendige als durch ein Anderes
ist nicht an und für sich, sondern ein bloß Gesetztes.
Aber diese Vermittlung ist ebenso unmittelbar das Aufheben ihrer selbst;
der Grund und die zufällige Bedingung wird in Unmittelbarkeit übergesetzt,
wodurch jenes Gesetztsein zur Wirklichkeit aufgehoben und die Sache mit
sich selbst zusammengegangen ist. In dieser Rückkehr in sich ist
das Notwendige schlechthin, als unbedingte Wirklichkeit.—Das Notwendige
ist so: vermittelt durch einen Kreis von Umständen,—es ist
so, weil die Umstände so sind; und in Einem ist es so: unvermittelt,—es
ist so, weil es ist.
a. Substantialitätverhältnis
§ 150
Das Notwendige ist in sich absolutes Verhältnis, d.i. der (in
den vorhergehenden §§) entwickelte Prozeß, in welchem das
Verhältnis sich ebenso zur absoluten Identität aufhebt.
In seiner unmittelbaren Form ist es das Verhältnis
der Substantialität und Akzidentalität. Die absolute
Identität dieses Verhältnisses mit sich ist die Substanz
als solche, die als Notwendigkeit die Negativität dieser Form der
Innerlichkeit ist, also sich als Wirklichkeit setzt, aber ebenso
die Negativität dieses Äußerlichen ist, nach welcher
das Wirkliche als Unmittelbares nur ein Akzidentelles ist, das durch
diese seine bloße Möglichkeit in eine andere Wirklichkeit übergeht;
ein Übergehen, welches die substantielle Identität als
die Formtätigkeit (§ 148, 149) ist.
§ 151
Die Substanz ist hiermit die Totalität der Akzidenzen, in denen sie
sich als deren absolute Negativität, d.i. als absolute Macht und
zugleich als den Reichtum alles Inhalts offenbart. Dieser Inhalt
ist aber nichts als diese Manifestation selbst, indem die in sich
zum Inhalte reflektierte Bestimmtheit selbst nur ein Moment der Form ist,
das in der Macht der Substanz übergeht. Die Substantialität
ist die absolute Formtätigkeit und die Macht der Notwendigkeit, und
aller Inhalt nur Moment, das allein diesem Prozesse angehört, das
absolute Umschlagen der Form und des Inhalts ineinander.
Zusatz. In der Geschichte der Philosophie begegnet
uns die Substanz als das Prinzip der spinozistischen Philosophie.
Über die Bedeutung und den Wert dieser Philosophie, welche ebenso
berühmt als verschrien ist, hat seit Spinozas Auftreten großes
Mißverständnis stattgefunden und ist darüber viel hin und
her geredet worden. Es ist vornehmlich der Vorwurf des Atheismus und dann
weiter der des Pantheismus, welcher gegen das spinozistische System erhoben
zu werden pflegt, und zwar um deswillen, weil von demselben Gott als die
Substanz und nur als die Substanz aufgefaßt worden ist. Was von diesen
Vorwürfen zu halten, ergibt sich zunächst aus der Stelle, welche
die Substanz im System der logischen Idee einnimmt. Die Substanz ist eine
wesentliche Stufe im Entwicklungsprozeß der Idee, jedoch nicht diese
selbst, nicht die absolute Idee, sondern die Idee in der noch beschränkten
Form der Notwendigkeit. Nun ist Gott zwar allerdings die Notwendigkeit
oder, wie man auch sagen kann, die absolute Sache, aber auch zugleich
die absolute Person, und dies ist der Punkt, zu welchem Spinoza nicht gelangt
ist und in Beziehung auf welchen zugegeben werden muß, daß
die spinozistische Philosophie hinter dem wahren Begriff Gottes, welcher
den Inhalt des christlich-religiösen Bewußtseins bildet, zurückgeblieben
ist. Spinoza war seiner Herkunft nach ein Jude, und es ist überhaupt
die orientalische Anschauung, nach welcher alles Endliche bloß als
ein Vorübergehendes, als ein Verschwindendes erscheint, welche in
seiner Philosophie ihren gedankenmäßigen Ausdruck gefunden hat.
Diese orientalische Anschauung der substantiellen Einheit bildet nun zwar
die Grundlage aller wahrhaften weiteren Entwicklung, allein es kann dabei
nicht stehengeblieben werden; was derselben noch fehlt, das ist das abendländische
Prinzip der Individualität, welches in philosophischer Gestalt, gleichzeitig
mit dem Spinozismus, zuerst in der Leibnizischen Monadologie hervorgetreten
ist.—Blicken wir von hier aus auf den der Philosophie des Spinoza gemachten
Vorwurf des Atheismus zurück, so wird derselbe insofern als unbegründet
von der Hand zu weisen sein, als nach dieser Philosophie Gott nicht allein
nicht geleugnet, sondern vielmehr als der allein wahrhaft Seiende anerkannt
wird. Auch wird nicht behauptet werden können, Spinoza spreche zwar
von Gott als dem allein Wahren, allein dieser spinozistische Gott sei nicht
der wahre und deshalb so gut wie kein Gott. Mit demselben Recht müßten
dann auch alle die übrigen Philosophen, welche mit ihrem Philosophieren
auf einer untergeordneten Stufe der Idee stehengeblieben sind, und ebenso
nicht nur die Juden und die Mohammedaner darum, weil sie Gott bloß
als den Herrn wissen, sondern auch alle die vielen Christen, welche
Gott bloß als das nicht erkennbare, höchste und jenseitige Wesen
betrachten, des Atheismus beschuldigt werden. Der der spinozistischen Philosophie
gemachte Vorwurf des Atheismus reduziert sich bei näherer Betrachtung
darauf, daß in derselben das Prinzip der Differenz oder der Endlichkeit
nicht zu seinem Rechte gelangt, und würde somit, da es nach derselben
eigentlich gar keine Welt im Sinne eines positiv Seienden gibt, dieses
System nicht als Atheismus, sondern vielmehr umgekehrt als Akosmismus
zu bezeichnen sein. Hieraus ergibt sich dann auch, was von dem Vorwurf
des Pantheismus zu halten ist. Versteht man, wie dies sehr häufig
geschieht, unter Pantheismus eine Lehre, welche die endlichen Dinge als
solche und den Komplex derselben als Gott betrachtet, so wird man nicht
umhin können, die spinozistische Philosophie von dem Vorwurf des Pantheismus
freizusprechen, da nach derselben den endlichen Dingen oder der Welt überhaupt
schlechthin keine Wahrheit zukommt; dahingegen ist diese Philosophie allerdings
pantheistisch, eben um ihres Akosmismus willen. Der hiermit anerkannte
Mangel hinsichtlich des Inhalts erweist sich dann auch zugleich
als ein Mangel in Beziehung auf die Form, und zwar zunächst insofern,
als Spinoza die Substanz an die Spitze seines Systems stellt und dieselbe
als die Einheit des Denkens und der Ausdehnung definiert, ohne nachzuweisen,
wie er zu diesem Unterschied und zur Zurückführung desselben
auf die substantielle Einheit gelangt. Die weitere Abhandlung des Inhalts
erfolgt dann in der sogenannten mathematischen Methode, und es werden demgemäß
zunächst Definitionen und Axiome aufgestellt, an welche sich Lehrsätze
reihen, deren Beweis bloß in der verstandesmäßigen Zurückführung
auf jene unbewiesenen Voraussetzungen besteht. Ob nun schon die spinozistische
Philosophie auch von solchen, welche ihren Inhalt und ihre Resultate schlechthin
verwerfen, wegen der strengen Konsequenz ihrer Methode gerühmt zu
werden pflege, so ist doch in der Tat diese unbedingte Anerkennung der
Form ebenso unbegründet als die unbedingte Verwerfung des Inhalts.
Der Mangel des spinozistischen Inhalts besteht eben darin, daß die
Form nicht als demselben immanent gewußt wird und deshalb nur als
äußere, subjektive Form an ihn herantritt. Die Substanz, so
wie dieselbe ohne vorangegangene dialektische Vermittlung unmittelbar von
Spinoza aufgefaßt wird, ist, als die allgemeine negative Macht, gleichsam
nur dieser finstere, gestaltlose Abgrund, der allen bestimmten Inhalt als
von Haus aus nichtig in sich verschlingt und nichts, was einen positiven
Bestand in sich hat, aus sich produziert.
§ 152
Nach dem Momente, daß die Substanz als absolute Macht die sich
auf sich als auf nur innere Möglichkeit beziehende und
sich damit zur Akzidentalität bestimmende Macht und [daß] hiervon
die dadurch gesetzte Außerlichkeit unterschieden ist, ist sie eigentliches
Verhältnis, als wie sie in der ersten Form der Notwendigkeit
Substanz ist,— Kausalitätsverhältnis.
b. Kausalitätsverhältnis
§ 153
Die Substanz ist Ursache, insofern sie gegen ihr Übergehen
in die Akzidentalität in sich reflektiert und so die ursprüngliche
Sache ist, aber ebensosehr die Reflexion-in-sich oder ihre bloße
Möglichkeit aufhebt, sich als das Negative ihrer selbst setzt und
so eine Wirkung hervorbringt, eine Wirklichkeit, die so nur eine
gesetzte, aber durch den Prozeß des Wirkens zugleich notwendige
ist.
-
Die Ursache hat als die ursprüngliche Sache die Bestimmung
von absoluter Selbständigkeit und einem sich gegen die Wirkung erhaltenden
Bestehen, aber sie ist in der Notwendigkeit, deren Identität jene
Ursprünglichkeit selbst ausmacht, nur in die Wirkung übergegangen.
Es ist kein Inhalt, insofern wieder von einem bestimmten Inhalte die Rede
sein kann, in der Wirkung, der nicht in der Ursache ist;—jene Identität
ist der absolute Inhalt selbst; ebenso ist sie aber auch die Formbestimmung,
die Ursprünglichkeit der Ursache wird in der Wirkung aufgehoben, in
der sie sich zu einem Gesetzsein macht. Die Ursache ist aber damit
nicht verschwunden, so daß das Wirkliche nur die Wirkung wäre.
Denn dies Gesetztsein ist ebenso unmittelbar aufgehoben, es ist
vielmehr die Reflexion der Ursache in sich selbst, ihre Ursprünglichkeit;
in der Wirkung ist erst die Ursache wirklich und Ursache. Die Ursache ist
daher an und für sich causa sui. —Jacobi, fest in der
einseitigen Vorstellung der Vermittlung, hat (Briefe über
Spinoza, 2. Ausg., S. 416) die causa sui (der effectus sui
ist dasselbe), diese absolute Wahrheit der Ursache, bloß für
einen Formalismus genommen. Er hat auch angegeben, daß Gott nicht
als Grund, sondern wesentlich als Ursache bestimmt werden müsse; daß
damit das nicht gewonnen sei, was er beabsichtigte, würde sich aus
einem gründlicheren Nachdenken über die Natur der Ursache ergeben
haben. Auch in der endlichen Ursache und deren Vorstellung ist diese
Identität in Ansehung des Inhalts vorhanden; der Regen, die Ursache,
und die Nässe, die Wirkung, sind ein und dasselbe existierende Wasser.
In Ansehung der Form fällt so in der Wirkung (der Nässe) die
Ursache (der Regen) hinweg; aber damit auch die Bestimmung der Wirkung,
die nichts ist ohne Ursache, und es bleibt nur die indifferente Nässe.
Die Ursache im gemeinen Sinne des Kausalverhältnisses ist endlich,
insofern ihr Inhalt endlich ist (wie in der endlichen Substanz) und insofern
Ursache und Wirkung als zwei verschiedene selbständige Existenzen
vorgestellt werden,—was sie aber nur sind, indem bei ihnen vom Kausalitätsverhältnis
abstrahiert wird. Weil in der Endlichkeit bei dem Unterschiede der
Formbestimmungen in deren Beziehung stehengeblieben wird, so wird abwechslungsweise
die Ursache auch als ein Gesetztes oder als Wirkung
bestimmt; diese hat dann wieder eine andere Ursache; so entsteht
auch hier der Progreß von Wirkungen zu Urschen ins Unendliche. Ebenso
der absteigende, indem die Wirkung nach ihrer Identität mit
der Ursache selbst als Ursache und zugleich als eine andere bestimmt
wird, die wieder andere Wirkungen hat, und so fort ins Unendliche.
Zusatz. Sosehr der Verstand sich gegen die Substantialität
zu sträuben pflegt, so geläufig ist ihm dagegen die Kausalität,
d.h. das Verhältnis von Ursache und Wirkung. Wenn es sich darum handelt,
einen Inhalt als notwendig aufzufassen, so ist es vornehmlich das Kausalitätsverhältnis,
worauf denselben zurückzuführen die Verstandesreflexion sich
zur Angelegenheit macht. Nun gehört zwar dieses Verhältnis allerdings
zur Notwendigkeit, allein es ist dasselbe nur die eine Seite im Prozeß
der Notwendigkeit, welcher ebensosehr dies ist, die in der Kausalität
enthaltene Vermittlung aufzuheben und sich als einfache Beziehung-auf-sich
zu erweisen. Bleibt man bei der Kausalität als solcher stehen, so
hat man dieselbe nicht in ihrer Wahrheit, sondern bloß als endliche
Kausalität, und die Endlichkeit dieses Verhältnisses besteht
dann darin, daß Ursache und Wirkung in ihrem Unterschied festgehalten
werden. Nun aber sind diese beiden nicht nur unterschieden, sondern ebensowohl
auch identisch, und dies findet sich dann auch dergestalt in unserem gewöhnlichen
Bewußtsein, daß wir von der Ursache sagen, daß sie dies
nur ist, insofern sie eine Wirkung hat, und von der Wirkung, daß
sie dies nur ist, insofern sie eine Ursache hat. Ursache und Wirkung sind
somit beide ein und derselbe Inhalt, und der Unterschied derselben ist
zunächst nur der des Setzens und des Gesetztseins, welcher
Formunterschied sich dann aber auch ebenso wieder aufhebt, dergestalt,
daß die Ursache nicht nur Ursache eines Anderen, sondern auch Ursache
ihrer selbst, und die Wirkung nicht nur Wirkung eines Anderen, sondern
auch Wirkung ihrer selbst ist. Die Endlichkeit der Dinge besteht hiernach
darin, daß, während Ursache und Wirkung ihrem Begriff nach identisch
sind, diese beiden Formen in der Art getrennt vorkommen, daß
die Ursache zwar auch Wirkung und die Wirkung zwar auch Ursache ist, jedoch
jene nicht in derselben Beziehung, in welcher sie Ursache und diese nicht
in derselben Beziehung, in welcher sie Wirkung ist. Dies gibt dann wieder
den unendlichen Progreß in der Gestalt einer endlosen Reihe von Ursachen,
welche sich zugleich als eine endlose Reihe von Wirkungen zeigt.
§ 154
Von der Ursache ist die Wirkung verschieden; diese ist als solche
Gesetztsein. Aber das Gesetztsein ist ebenso Reflexion-in-sich und
Unmittelbarkeit, und das Wirken der Ursache, ihr Setzen, ist zugleich Voraussetzen,
insofern an der Verschiedenheit der Wirkung von der Ursache festgehalten
wird. Es ist hiermit eine andere Substanz vorhanden, auf welche
die Wirkung geschieht. Diese ist, als unmittelbar, nicht sich auf
sich beziehende Negativität und aktiv, sondern passiv.
Aber als Substanz ist sie ebenso aktiv, hebt die vorausgesetzte Unmittelbarkeit
und die in sie gesetzte Wirkung auf, reagiert, d.h. sie hebt die
Aktivität der ersten Substanz auf, welche aber ebenso dies Aufheben
ihrer Unmittelbarkeit oder der in sie gesetzten Wirkung ist, hiermit die
Aktivität der anderen aufhebt und reagiert. Die Kausalität ist
hiermit in das Verhältnis der Wechselwirkung übergegangen.
-
In der Wechselwirkung, obgleich die Kausalität noch nicht in ihrer
wahrhaften Bestimmung gesetzt ist, ist der Progreß von Ursachen und
Wirkungen ins Unendliche als Progreß auf wahrhafte Weise aufgehoben,
indem das geradlinige Hinausgehen von Ursachen zu Wirkungen und von Wirkungen
zu Ursachen in sich um- und zurückgebogen ist. Diese
Umbeugung des unendlichen Progresses zu einem in sich beschlossenen Verhältnis
ist wie überall die einfache Reflexion, daß in jener gedankenlosen
Wiederholung nur ein und dasselbe ist, nämlich eine und eine
andere Ursache und deren Beziehung aufeinander. Die Entwicklung
dieser Beziehung, das Wechselwirken, ist jedoch selbst die Abwechslung
des Unterscheidens, aber nicht von Ursachen, sondern von den Momenten,
an deren jedem für sich, wieder nach der Identität,
daß die Ursache in der Wirkung Ursache (und umgekehrt) ist,—nach
dieser Untrennbarkeit ebenso auch das andere Moment gesetzt wird.
c. Die Wechselwirkung
§ 155
Die in der Wechselwirkung als unterschieden festgehaltenen Bestimmungen
sind a) an sich dasselbe; die eine Seite
ist Ursache, ursprünglich, aktiv, passiv usf, wie die andere. Ebenso
ist das Voraussetzen einer anderen und das Wirken auf sie, die unmittelbare
Ursprünglichkeit und das Gesetztsein durch den Wechsel, ein und dasselbe.
Die als erste angenommene Ursache ist um ihrer Unmittelbarkeit willen
passiv, Gesetztsein und Wirkung. Der Unterschied der als
zwei genannten Ursachen ist daher leer, und es ist an sich
nur eine, sich in ihrer Wirkung ebenso als Substanz aufhebende als
sich in diesem Wirken erst verselbständigende Ursache vorhanden.
§ 156
[b] Aber auch für sich ist diese
Einheit, indem dieser ganze Wechsel das eigene Setzen der Ursache
und nur dies ihr Setzen ihr Sein ist. Die Nichtigkeit der Unterschiede
ist nicht nur an sich oder unsere Reflexion (vorh. §), sondern die
Wechselwirkung ist selbst dies, jede der gesetzten Bestimmungen auch wieder
aufzuheben und in die entgegengesetzte zu verkehren, also jene Nichtigkeit
der Momente zu setzen, die an sich ist. In die Ursprünglichkeit wird
eine Wirkung gesetzt, d.h. die Ursprünglichkeit wird aufgehoben; die
Aktion einer Ursache wird zur Reaktion usf.
Zusatz. Die Wechselwirkung ist das Kausalitätsverhältnis
in seiner vollständigen Entwicklung gesetzt, und dies Verhältnis
ist es dann auch, zu welchem die Reflexion ihre Zuflucht zu nehmen pflegt,
wenn sich ihr die Betrachtung der Dinge unter dem Gesichtspunkt der Kausalität,
um des vorher erwähnten unendlichen Progresses willen, nicht als genügend
erweist. So wird z.B. bei geschichtlichen Betrachtungen zunächst die
Frage vorhandelt, ob der Charakter und die Sitten eines Volkes die Ursache
seiner Verfassung und seiner Gesetze oder ob dieselben umgekehrt deren
Wirkung seien, und es wird dann dazu fortgeschritten, diese beiden, Charakter
und Sitten einerseits und Verfassung und Gesetze andererseits, unter dem
Gesichtspunkt der Wechselwirkung aufzufassen, dergestalt, daß die
Ursache in derselben Beziehung, in der sie Ursache, zugleich Wirkung und
daß die Wirkung in derselben Beziehung, in der sie Wirkung, zugleich
Ursache ist. Dasselbe geschieht dann auch bei Betrachtung der Natur und
namentlich des lebendigen Organismus, dessen einzelne Organe und Funktionen
sich Gleichfalls als zueinander im Verhältnis der Wechselwirkung stehend
erweisen. Die Wechselwirkung ist nun zwar allerdings die nächste Wahrheit
des Verhältnisses von Ursache und Wirkung, und es steht dieselbe sozusagen
an der Schwelle des Begriffs; jedoch eben um deswillen hat man sich mit
der Anwendung dieses Verhältnisses nicht zu begnügen, insofern
es um das begreifende Erkennen zu tun ist. Bleibt man dabei stehen, einen
gegebenen Inhalt bloß unter dem Gesichtspunkt der Wechselwirkung
zu betrachten, so ist dies in der Tat ein durchaus begriffloses Verhalten;
man hat es dann bloß mit einer trockenen Tatsache zu tun, und die
Forderung der Vermittlung, um die es sich zunächst bei der Anwendung
des Kausalitätsverhältnisses handelt, bleibt wieder unbefriedigt.
Das Ungenügende bei der Anwendung des Verhältnisses der Wechselwirkung
besteht näher betrachtet darin, daß dies Verhältnis, anstatt
als ein Äquivalent für den Begriff gelten zu können, vielmehr
selbst erst begriffen sein will, und dies geschieht dadurch, daß
die beiden Seiten desselben nicht als ein unmittelbar Gegebenes belassen,
sondern, wie solches in den beiden vorhergehenden §§ gezeigt
worden, als Momente eines Dritten, Höheren, erkannt werden, welches
dann eben der Begriff ist. Betrachten wir z.B. die Sitten des spartanischen
Volkes als die Wirkung seiner Verfassung und so umgekehrt diese als die
Wirkung seiner Sitten, so mag diese Betrachtung immerhin richtig sein,
allein diese Auffassung gewährt um deswillen keine letzte Befriedigung,
weil durch dieselbe in der Tat weder die Verfassung noch die Sitten dieses
Volkes begriffen werden, welches nur dadurch geschieht, daß jene
beiden und ebenso alle die übrigen besonderen Seiten, welche das Leben
und die Geschichte des spartanischen Volkes zeigen, als in diesem Begriff
begründet erkannt werden.
§ 157
[g] Dieser reine Wechsel mit sich selbst ist
hiermit die enthüllte oder gesetzte Notwendigkeit. Das
Band der Notwendigkeit als solcher ist die Identität als noch innere
und verborgene, weil sie die Identität von solchen ist, die als Wirkliche
gelten, deren Selbständigkeit jedoch eben die Notwendigkeit sein soll.
Der Verlauf der Substanz durch die Kausalität und Wechselwirkung ist
daher nur das Setzen, daß die Selbständigkeit die unendliche
negative Beziehung auf sich ist,—negative überhaupt,
in der das Unterscheiden und Vermitteln zu einer Ursprünglichkeit
gegeneinander selbständiger Wirklichen wird,—unendliche Beziehung
auf sich selbst, indem die Selbständigkeit derselben eben nur
als ihre Identität ist.
§ 158
Diese Wahrheit der Notwendigkeit ist somit die Freiheit,
und die Wahrheit der Substanz ist der Begriff,—die
Selbständigkeit, welche das sich von sich Abstoßen in unterschiedene
Selbständige, als dies Abstoßen identisch mit sich, und diese
bei sich selbst bleibende Wechselbewegung nur mit sich ist.
Zusatz. Die Notwendigkeit pflegt hart genannt zu
werden, und zwar mit Recht, insofern bei derselben als solcher, d.h. in
ihrer unmittelbaren Gestalt stehengeblieben wird. Wir haben hier einen
Zustand oder überhaupt einen Inhalt, welcher sein Bestehen für
sich hat, und in der Notwendigkeit ist dann zunächst dies enthalten,
daß über solchen Inhalt ein anderes kommt, wodurch derselbe
zugrunde gerichtet wird. Dies ist das Harte und das Traurige der unmittelbaren
oder abstrakten Notwendigkeit. Die Identität der beiden, welche in
der Notwendigkeit als aneinander gebunden erscheinen und dadurch ihrer
Selbständigkeit verlustig gehen, ist nur erst eine innere und noch
nicht für die vorhanden, welche der Notwendigkeit unterworfen sind.
So ist dann auch die Freiheit auf diesem Standpunkt nur erst die abstrakte
Freiheit, welche nur durch Verzichtung auf dasjenige, was man unmittelbar
ist und hat, gerettet wird. —Weiter ist nun aber, wie wir bisher gesehen
haben, der Prozeß der Notwendigkeit von der Art, daß durch
denselben die zunächst vorhandene starre Äußerlichkeit
überwunden und daß ihr Inneres offenbart wird, wodurch es sich
dann zeigt, daß die aneinander Gebundenen in der Tat einander nicht
fremd, sondern nur Momente eines Ganzen sind, deren jedes in der
Beziehung auf das andere bei sich selbst ist und mit sich selbst zusammengeht.
Dies ist die Verklärung der Notwendigkeit zur Freiheit, und diese
Freiheit ist nicht bloß die Freiheit der abstrakten Negation, sondern
vielmehr konkrete und positive Freiheit. Hieraus ist dann auch zu entnehmen,
wie verkehrt es ist, die Freiheit und die Notwendigkeit als einander gegenseitig
ausschließend zu betrachten. Allerdings ist die Notwendigkeit als
solche noch nicht die Freiheit; aber die Freiheit hat die Notwendigkeit
zu ihrer Voraussetzung und enthält dieselbe als aufgehoben in sich.
Der sittliche Mensch ist sich des Inhalts seines Tuns als eines Notwendigen,
an und für sich Gültigen bewußt und leidet dadurch so wenig
Abbruch an seiner Freiheit, daß diese vielmehr erst durch dieses
Bewußtsein zur wirklichen und inhaltsvollen Freiheit wird, im Unterschied
von der Willkür als der noch inthaltlosen und bloß möglichen
Freiheit. Ein Verbrecher, welcher bestraft wird, mag die Strafe, die ihn
trifft, als eine Beschränkung seiner Freiheit betrachten; in der Tat
ist jedoch die Strafe nicht eine fremde Gewalt, der er unterworfen wird,
sondern nur die Manifestation seines eignen Tuns, und indem er dies anerkennt,
so verhält er sich hiermit als ein Freier. Überhaupt ist dies
die höchste Selbständigkeit des Menschen, sich als schlechthin
bestimmt durch die absolute Idee zu wissen, welches Bewußtsein und
Verhalten Spinoza als den amor intellectualis Dei bezeichnet.
§ 159
Der Begriff ist hiermit die Wahrheit des Seins und des Wesens,
indem das Scheinen der Reflexion in sich selber zugleich selbständige
Unmittelbarkeit und dieses Sein verschiedener Wirklichkeit unmittelbar
nur ein Scheinen in sich selbst ist.
-
Indem der Begriff sich als die Wahrheit des Seins und Wesens erwiesen hat,
welche beide in ihn als in ihren Grund zurückgegangen sind,
so hat er umgekehrt sich aus dem Sein als aus seinem Grunde
entwickelt. Jene Seite des Fortgangs kann als ein Vertiefen
des Seins in sich selbst, dessen Inneres durch diesen Fortgang enthällt
worden ist, diese Seite als Hervorgang des Volkommeneren aus dem Unvollkommeneren
betrachtet werden. Indem solche Entwicklung nur nach der letzten Seite
betrachtet worden ist, hat man der Philosophie daraus einen Vorwurf gemacht.
Der bestimmtere Gehalt, den die oberflächlichen Gedanken von Unvollkommenerem
und Vollkommenerem hier haben, ist der Unterschied, den das Sein,
als unmittelbare Einheit mit sich, vom Begriffe, als der
freien Vermittlung mit sich, hat. Indem sich das Sein als
ein Moment des Begriffs gezeigt hat, hat er sich dadurch als die
Wahrheit des Seins erwiesen; als diese seine Reflexion-in-sich und als
Aufheben der Vermittlung ist er das Voraussetzen des Unmittelbaren—ein
Voraussetzen, das mit der Rückkehr-in-sich identisch ist, welche Identität
die Freiheit und den Begriff ausmacht. Wenn daher das Moment das
Unvollkommene genannt wird, so ist der Begriff, das Vollkommene, allerdings
dies, sich aus dem Unvollkommenen zu entwickeln, denn er ist wesentlich
dies Aufheben seiner Voraussetzung. Aber er ist es zugleich allein, der
als sich setzend die Voraussetzung macht, wie sich in der Kausalität
überhaupt und näher in der Wechselwirkung ergeben hat.
Der Begriff ist so in Beziehung auf Sein und Wesen
bestimmt, das zum Sein als einfacher Unmittelbarkeit zurückgegangene
Wesen zu sein, dessen Scheinen dadurch Wirklichkeit hat und dessen
Wirklichkeit zugleich freies Scheinen in sich selbst ist. Das Sein
hat der Begriff auf solche Weise als seine einfache Beziehung auf sich
oder als die Unmittelbarkeit seiner Einheit in sich selbst; Sein
ist eine so arme Bestimmung, daß sie das Wenigste ist, was im Begriffe
aufgezeigt werden kann.
Der Übergang von der Notwendigkeit zur Freiheit
oder vom Wirklichen in den Begriff ist der härteste, weil die selbständige
Wirklichkeit gedacht werden soll, als in dem Übergehen und der Identität
mit der ihr anderen selbständigen Wirklichkeit allein ihre
Substantialität zu haben; so ist auch der Begriff das Härteste,
weil er selbst eben diese Identität ist. Die wirkliche Substanz als
solche aber, die Ursache, die in ihrem Fürsichsein nichts in sich
eindringen lassen will, ist schon der Notwendigkeit oder dem Schicksal,
in das Gesetztsein überzugehen, unterworfen, und diese Unterwerfung
ist vielmehr das Härteste. Das Denken der Notwendigkeit ist
dagegen vielmehr die Auflösung jener Härte; denn es ist das Zusammengehen
Seiner im Anderen mit Sich selbst,—die Befreiung, welche
nicht die Flucht der Abstraktion ist, sondern in dem anderen Wirklichen,
mit dem das Wirkliche durch die Macht der Notwendigkeit zusammengebunden
ist, sich nicht als anderes, sondern sein eigenes Sein und Setzen zu haben.
Als für sich existierend heißt diese Befreiung Ich,
als zu iher Totalität entwickelt freier Geist, als Empfindung
Liebe, als Genuß Seligkeit. —Die große Anschauung
der spinozistischen Substanz ist nur an sich die Befreiung
von endlichem Fürsichsein; aber der Begriff selbst ist für
sich die Macht der Notwendigkeit und die wirkliche Freiheit.
-
Zusatz. Wenn der Begriff, wie dies hier geschehen,
als die Wahrheit des Seins und des Wesens bezeichnet wird, so muß
man der Frage gewärtig sein, warum nicht mit demselben der Anfang
gemacht worden ist. Darauf dient zur Antwort, daß, wo es sich um
denkende Erkenntnis handelt, mit der Wahrheit um deswillen nicht angefangen
werden kann, weil die Wahrheit, als den Anfang bildend, auf bloßer
Versicherung beruht, die gedachte Wahrheit aber als solche sich dem Denken
zu bewähren hat. Würde der Begriff an die Spitze der Logik gestellt
und, wie dies dem Inhalt nach ganz richtig ist, als die Einheit des Seins
und des Wesens definiert, so entstände die Frage, was man sich unter
dem Sein und was unter dem Wesen zu denken hat und wie diese beiden dazu
kommen, in die Einheit des Begriffs zusammengefaßt zu werden. Hiermit
wäre dann aber nur dem Namen und nicht der Sache nach mit dem Begriff
angefangen worden. Der eigentliche Anfang würde mit dem Sein gemacht,
wie solches auch hier geschehen, nur mit dem Unterschied, daß die
Bestimmungen des Seins und ebenso auch die des Wesens unmittelbar aus der
Vorstellung würden aufzunehmen sein, wohingegen wir das Sein und das
Wesen in ihrer eigenen dialektischen Entwicklung betrachtet und als sich
selbst zur Einheit des Begriffs aufhebend erkannt haben.